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Tod, Trauer und irre Typen im Kurzfilm-Wettbewerb

Eine Szene aus „Linnea“ von Sven Gielnik. Foto: MOP
Eine Szene aus „Linnea“ von Sven Gielnik. Foto: MOP FOTO: MOP
Als eines der Herzstücke des Festivals gilt der Kurzfilm-Wettbewerb. Hier zeigen die Regisseure von morgen ihre ersten Arbeiten. In diesem Jahr sind 27 Werke dabei, über sechseinhalb Stunden Programm mit vielen unterschiedlichen Themen. Von SZ-Redakteur Thomas Reinhardt

Saarbrücken. Sie heißen "Dornröschen" oder "Schneeglöckchen" - das klingt märchenhaft und weckt bestimmte Erwartungen. Doch Vorsicht: Im Kurzfilmwettbewerb des Ophüls-Preises geht's meist nicht kuschelig zu, da wartet so manche Überraschung. Viel harte Kost steht auf dem Programm des Festivals. Die jungen Regisseurinnen und Regisseure beschäftigen sich in der Mehrzahl mit ernsten, oft sogar todernsten Themen. In "Dornröschen" von Maria Hilbert und Svenja Baumgärtner geht es um das heikle Thema Sterbehilfe. Da überlegt eine verzweifelte Mutter, ob sie ihrer im Koma liegenden Tochter die lebenserhaltenden Geräte abschalten soll. Doch die Tochter wehrt sich.

"Schneeglöckchen" hat Jenny Gand ihren Film über Flüchtlinge genannt, die aus Osteuropa den Weg in den Westen suchen - und dabei nicht selten in den tief verschneiten Wäldern buchstäblich auf der Strecke bleiben. Im Frühjahr werden an der EU-Außengrenze zwischen der Ukraine und der Slowakei regelmäßig die Leichen erforener Flüchtlinge entdeckt - im Volksmund heißen sie "Schneeglöckchen".

Um den Tod eines geliebten Menschen, um Trauer und Bewältigung geht es auch in Viviane Andereggens grotesk-verspielten Sieben-Minuten-Beitrag "Für Lotte". Und in "Alter Egon" von Levin Hübner sorgt ausgerechnet der Tod der Mutter dafür, dass Vater Egon und Sohn Olaf mal wieder miteinander ins Gespräch kommen. Ein feiner Film mit schönen Bildern ist Sven Gielnik mit "Linnea" gelungen: Linnea und ihre Eltern trauern über den Unfalltod von Clara, der älteren Schwester. Über dessen Umstände weiß Linnea viel mehr, als die Eltern ahnen.

Womit wir auch schon bei dramatischen Familiengeschichten sind: In "Dünnes Eis" von Anne Chlosta entdeckt ein Mann, dass sein vor kurzem verstorbener Bruder pädophil war. Als er ein Missbrauchs-Opfer darauf hin anspricht, kommt es zur Katastrophe. Ein starker, aufwühlender Film. Das gilt auch für "Wo wir sind" von Ilker Catak, in dem eine drogenabhängige Mutter, der das Sorgerecht entzogen wurde, ihre Tochter mit Gewalt zurückzuholen will. "Von Hunden und Löwen" von Kristine Nrecaj schildert eindringlich das Dilemma des Albaners Bashkim. Der lebt in Deutschland, hat eine Frau und einen Sohn, doch als sein Vater stirbt, ist es dessen letzter Wunsch, dass sich Bashkim scheiden lässt und eine albanische Frau heiratet.

Die meisten der 27 Beiträge im Kurzfilm-Wettbewerb sind von der Machart her nicht besonders aufregend. Man wolle insbesondere "innovative Tendenzen" fördern, hatte Festivalleiterin Gabriella Bandel angekündigt. Nun, zumindest in einigen Kurzfilmen sind die erfreulicherweise vorhanden. So legt Robert Gwisdek mit "Circuit" ein originelles Experiment um das außergewöhnliche Dilemma eines Elektrikers vor. Und mit "Lothar" vom Schweizer Luca Zuberbühler ist eine witzige Groteske mit einer eindeutigen Aussage im Programm: Niesen macht einsam.

Stilistisch interessant gemacht sind auch "Tauchä" von Dominik Locher und vor allem "Impuls" von Igor Plischke, die beide von Jugendlichen, Frustration und Gewalt handeln - und dies mit wilden, drastischen Bildern umsetzen. In meinem Lieblingsfilm geht's a auch nicht zimperlich zu: "Kosherland" von Pyotr Magnus Nedov ist eine lakonisch-schwarzhumorige Geschichte aus Lettland mit irren Typen - die könnte glatt von den Coen-Brüdern oder Tarantino stammen.