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Tausendsassa am Pult

Maestro in Lederjacke: Dirigent Marcus Bosch. Foto: Ulf Krentz
Maestro in Lederjacke: Dirigent Marcus Bosch. Foto: Ulf Krentz FOTO: Ulf Krentz
Nürnberg. Vor elf Jahren verließ Marcus Bosch das Saarbrücker Theater. Und hat Einiges erreicht: In Aachen hat sich die Zahl der Konzertbesucher in seiner Zeit vervierfacht. Und mit seinem Nürnberger „Tristan“ wurde er sogar zum Kinostar. Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Manchmal trifft man auf jemanden, bei dem man sofort spürt: Von dem wird man noch hören. Marcus Bosch ist so einer. Vor elf Jahren verließ er das Saarländische Staatstheater als Erster Kapellmeister, ging nach Aachen, um an jenem Theater, an dem schon Herbert von Karajan und Wolfgang Sawallisch den Ton angaben, Generalmusikdirektor (GMD) zu werden. Mehr also als bloß das berühmte Treppchen auf dem Karriereweg.

Ungern ließ man Bosch damals aus Saarbrücken ziehen, derart glänzend wie er hier etwa die "Madama Butterfly" dirigierte. Zumal es ein doppelter Aderlass war, weil Bosch den Kopf so voller Pläne hatte. Raus mit dem Orchester aus dem Konzertsaal wollte er, Hemmschwellen einebnen, weil nach wie vor so viele Leute sich nicht ins Theater, ins Konzert wagen. Aber: Er wollte auch mitreden, wenn's um Geld geht, um die Zukunft einer Bühne, sich nicht aufs Künstlersein zurückziehen, sondern etwas "von Grund auf gestalten". Ein Dirigent und Manager zugleich.

Nun, der heute 44-Jährige hat Wort gehalten. In Aachen vervierfachte sich die Zahl der Konzertbesucher unter seiner Ägide. Wohlgemerkt: In Zeiten, wo das Klassikpublikum sich in den Sälen rar macht. Bosch aber nahm mit dem Aachener Orchester den direkten Weg zum Publikum, machte Programm für junge Leute, setzte Familien- und Open-Air-Konzerte an. Probierte "die eigentlich verrückte Idee" beim CHIO Aachen, dem bedeutenden Pferdesport-Turnier, mit seinen Sinfonikern dabei zu sein - ein Erfolg in vollem Galopp.

Vom "Bosch-Effekt" war da bald die Rede. Was aber leicht auch Aktionismus hätte bedeuten können. "Das Vorrangige ist immer, dass die musikalische Qualität stimmt. Wenn die nicht überzeugt, ist alles andere zwecklos", stellt der gebürtige Heidenheimer darum seine Prioritäten klar. An der Güte seines Dirigenten-Tuns kann aber ohnehin kein Zweifel bestehen: Die Bruckner Sinfonie-Gesamtausgabe mit den Aachenern fand höchstes Kritikerlob.

Aachen freilich ist für ihn mittlerweile auch schon wieder Geschichte. 2011 ging er als GMD ans Nürnberger Staatstheater. Ein Haus, das sich auch in der harten innerbayerischen Konkurrenz gegen die Kulturmetropole München durchaus behauptet. Was nun auch mit Marcus Bosch zu tun hat. Sein "Tristan" wurde im Oktober 2012 in 50 deutsche Kinos übertragen - live. Die "Meistersinger", mit der er seine Arbeit in Nürnberg aufnahm, gibt's mittlerweile auf DVD.

Aber Richard Wagner in der Stadt der NS-Reichsparteitage: Bleibt das nicht heikel, musiziert man da nicht mit enormer historischer Bürde? Zumal, wenn Bosch just im Luitpoldhain, einst Aufmarschgelände der Nazis, am 21. Juli zum größten Klassik Open Air Europas bittet - bis zu 50 000 Gäste kommen da - und im Wagner-Jahr natürlich auch Wagner spielt. "Den Walküren-Ritt aber ganz sicher nicht", sagt er. Zu beliebt war der bei den Nazis. Doch fragwürdiges Pathos, wozu Wagner-Interpreten immer wieder neigen, sei ihm ohnehin fremd: "Denn ich dirigiere Wagner aus dem Geist Mendelssohns heraus." Und doch gebe es da auch die "Ehrfurcht" bei Wagner, als er etwa im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg die Originalpartitur der "Meistersinger" in Händen hielt. Bei so einem hellwachen Geist darf man sich jetzt schon freuen, wenn er im Herbst in Nürnberg seinen "Ring" beginnt.

Im Germanischen Nationalmuseum übrigens hat Bosch auch eine seiner typischen Publikums-aktivierenden Reihen etabliert: "Phil and Lunch", also klassische Musik und gutes Essen in einer attraktiven Verbindung. So hält der Dirigent seine Musiker auf Trab. Aber er kämpft auch für sie. Mit seinem Amtsantritt in Nürnberg kamen fünf Orchesterstellen dazu. Auch eine Orchesterakademie mit 12 Plätzen kam dazu. Ein Projekt, das in Saarbrücken übrigens seit Jahren nur vor sich hin dümpelt.

Wer denkt, mit all dem müsse Marcus Bosch doch eigentlich genug zu tun haben, staunt nur, was dieser Mann sonst noch alles treibt. In seiner Heimatstadt Heidenheim leitet er seit 2009 die Opernfestspiele, steht selbstredend dort auch am Pult. Und im noblen Schweizer Hotel Waldhaus Mountain Resort & Spa in Flims hat er eine exquisite Konzertreihe aufgelegt, Luxus-Urlaub mit Spitzenklassik verbunden. Da ist es wieder, dieses Gestalten von Grund auf. Aber irgendwie ist es dann auch schön, dass beim Telefonat mit Marcus Bosch häufig ganz selbstverständlich fröhliche Kinderstimmen das Gespräch überlagern. Trotz all dem vielen Kunstschaffen: Der Vater von drei Töchtern ist eben auch familiengeerdet.


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Auf einen BlickBis 26. Juli laufen noch die Opernfestspiele im baden-württembergischen Heidenheim, die Marcus Bosch als künstlerischer Leiter verantwortet. In diesem Jahr ist in der Ruine des Rittersaals von Schloss Hellenstein Puccinis "Turandot" zu erleben. Marcus Bosch dirigiert die Stuttgarter Philharmoniker. redopernfestspiele.de