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Taten folgen nicht immer den Worten

Saarbrücken. Die Verbraucher wollen Öko, kaufen aber das billigste Fleisch. Die Unternehmen loben ihre Mitarbeiter, setzen aber auf Zeitarbeit. „Das ist schizo“, sagen zwei Saarbrücker Uni-Professoren. Lothar Warscheid

"Wir haben ein Problem." Das sagen zwei renommierte Professoren der Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Universität des Saarlandes : Christian Scholz und Joachim Zentes. Die beiden Hochschullehrer haben sich mit der "Schizo-Wirtschaft" auseinandergesetzt und ihre Gedanken sowie Lösungsansätze in einem Buch gleichen Namens niedergeschrieben. "Überall stellen wir inzwischen schizophrenes Verhalten fest", sagen sie. So würden zahlreiche Konsumenten in Umfragen behaupten, dass sie bei ihrem Konsumverhalten auf Ökologie und Nachhaltigkeit achten. "Tags darauf kaufen sie das billigste Schweinefleisch, das sie bekommen können." Andere würden auf soziale Standards bei der Produktion Wert legen, beim Kauf der nächsten T-Shirts oder Jeans aber nur auf den Preis achten.

Doch auch die Unternehmen und die Mitarbeiter sind nach Auffassung der Autoren vom Schizo-Virus befallen. Bei letzteren steige der Anspruch, immer stärker an den Erfolgen und Erträgen der Firmen beteiligt zu werden. "Auf der anderen Seite identifiziert sich eine steigende Zahl von Beschäftigten immer weniger mit ihrem Arbeitgeber." Sie zitieren eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Gallup, wonach 24 Prozent der Beschäftigten "innerlich bereits gekündigt haben und 61 Prozent Dienst nach Vorschrift machen". Auf der anderen Seite kritisieren sie die Unternehmen, die zwar behaupten, dass die Mitarbeiter ihr wertvollstes Kapital seien. Hinter den Werkstoren würde die Stammbelegschaft aber systematisch abgebaut und durch Zeit- und Leiharbeiter oder Werksvertragsfirmen ergänzt. Doch "können entkoppelte Mitarbeiter, die sich nicht mehr mit ihrem Unternehmen identifizieren, dauerhaft Produkte oder Dienstleistungen schaffen, mit denen sich dann Konsumenten identifizieren sollen?"

Dieses Schizo-Verhalten bedroht nach Ansicht von Scholz und Zentes das System der sozialen Marktwirtschaft. Sie verlassen bei ihrem Lösungsvorschlag den marktwirtschaftlichen Boden jedoch nicht und fordern eine neue Orientierung hin zum Menschen (People), zur Umwelt (Planet) und zum Gewinn (Profit). Diese Gedankenumkehr, die Scholz und Zentes das Saarbrücker PPP-Modell nennen, prägt den Kernsatz des Buches: "Gewinn ist das Ergebnis unternehmerischen Handelns, nicht das Ziel. Ökologische und soziale Orientierung sind die primären Leitlinien unternehmerischen Handelns. Sie führen zum Gewinn."

Christian Scholz, Joachim Zentes: Schizo-Wirtschaft: Nur radikales Umdenken und Andershandeln kann uns helfen, Campus Verlag, Frankfurt/Main, ISBN 978-3-593-503301, 20,99 Euro