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Tage der Demokratie

Meinung. Aus der Wahl Horst Köhlers ein Signal für eine schwarz-gelbe Mehrheit bei der Bundestagswahl zu machen, ist eine gewagte Interpretation. Denn Union und FDP brauchten die freien Wähler, um sich durchsetzen zu können. Auf deren Anhänger aber kann Schwarz-Gelb am 27. September nicht sicher setzen. Überhaupt wird die Wirkung der Bundespräsidentenwahl für die Macht im Lande dramatisch überschätzt Von Werner Kolhoff

Aus der Wahl Horst Köhlers ein Signal für eine schwarz-gelbe Mehrheit bei der Bundestagswahl zu machen, ist eine gewagte Interpretation. Denn Union und FDP brauchten die freien Wähler, um sich durchsetzen zu können. Auf deren Anhänger aber kann Schwarz-Gelb am 27. September nicht sicher setzen. Überhaupt wird die Wirkung der Bundespräsidentenwahl für die Macht im Lande dramatisch überschätzt. Nur einmal, 1969, bei der knappen Wahl Gustav Heinemanns spielte das eine Rolle, weil die Liberalen mit den Sozialdemokraten stimmten und damit das Vorzeichen für ein neues Bündnis setzten. Horst Köhler tat gut daran, sich vor und nach seiner Wahl unabhängig von den Vereinnahmungsversuchen durch Angela Merkel und Guido Westerwelle zu zeigen. Wenn der Blick nicht durch wahltaktische Überlegungen verstellt wäre, könnte man eine ganz andere Bedeutung dieser 13. Bundesversammlung und der begleitenden umfassenden Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik erkennen: Die politische Klasse dieses Landes hat offenbar zu einem tieferen gemeinsamen Verständnis der Werte gefunden, die unser Gemeinwesen zusammenhalten. Es waren Tage der Demokratie, einer gereiften Demokratie, die beginnt, Stolz auf sich zu entwickeln. Es waren viele kleine und große Gesten, die dieses Bild prägten. Wie sie alle aufstanden und den neu gewählten Bundespräsidenten selbstverständlich beklatschten, als die Entscheidung gefallen war. Auch das Lager seiner Herausforderer. Wie sie gemeinsam die Nationalhymne sagen, auch die Linken. Wie sie gemeinsam die Provokationen der Rechtsradikalen abtropfen ließen. Sie sind Konkurrenten, nicht Feinde, sie werben, aber sie kämpfen nicht gegeneinander. Schon gar nicht, wie in Weimar, auf der Straße. Die an diesem Wochenende praktisch komplett in Berlin versammelte politische Elite aus Bund und Ländern hat in den vielen Rückblicken, die es in Reden und Filmen gab, gespürt, wie groß die Entwicklung war, die Deutschland seit dem Krieg durchlaufen hat. Aus Ruinen zum Wohlfahrtsstaat, der die friedliche Wiedervereinigung erlebt hat und nun eine große Krise meistern muss. Aus einer Diktatur zur lebendigen, gelebten Demokratie. Die Bundespräsidentenwahl zeigte eine Gemeinsamkeit der Demokraten, die sich trotz des heraufziehenden Wahlkampfes der Verantwortung für diesen Staat bewusst sind. Das ist nach 60 Jahren ein großartiges Ergebnis. Die Sorge, die große Krise könne all dies gefährden, ist in diesen Tagen erheblich kleiner geworden.