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Mit ganzem Herzen auf der sicheren Seite

 Ein Laktat-Stufentest auf dem Laufband ist ein sehr aussagekräftiges Messverfahren, um die Ausdauerleistungsfähigkeit eines Sportlers oder Patienten zu bestimmen und sein Training zu planen. Die Belastungsintensität wird in regelmäßigen Abständen erhöht. Fotos: Uwe Bellhäuser
Ein Laktat-Stufentest auf dem Laufband ist ein sehr aussagekräftiges Messverfahren, um die Ausdauerleistungsfähigkeit eines Sportlers oder Patienten zu bestimmen und sein Training zu planen. Die Belastungsintensität wird in regelmäßigen Abständen erhöht. Fotos: Uwe Bellhäuser
Bei vielen Menschen, die nie Sport getrieben oder vor Jahren damit aufgehört haben, wächst im Alter von 40 bis 50 Jahren der Wunsch, etwas für ihre Gesundheit und Fitness zu tun. Allerdings sind in dieser Altersgruppe koronare Herzerkrankungen die häufigste Ursache, wenn sie bei körperlicher Belastung tot umfallen. unserem RedakteurMartin Lindemann

Wer nach jahrelanger Pause wieder Sport treiben will, sollte sich daher medizinisch durchchecken lassen.

Eine umfassende Leistungsdiagnostik bietet das Institut für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarbrücken an. Das ganze Paket samt Ultraschall-Untersuchung dauert etwa zweieinhalb Stunden. Ein Check für Gesundheits- und Freizeitsportler umfasst die gleichen Stationen, die auch Spitzensportler absolvieren, wenn ihre Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit sportärztlich überprüft wird.

Ultraschall-Untersuchung

Zu dem Programm zählen neben ärztlichem Gespräch und körperlicher Untersuchung ein Ruhe- und Belastungs-EKG sowie in der Regel eine Ultraschall-Untersuchung des Herzens. "Bei älteren Anfängern und Wiedereinsteigern in den Sport geht es vor allem darum, unerkannte, womöglich angeborene Herzschäden sowie erworbene Erkrankungen durch langjährige Bewegungsarmut und ungesunde Ernährung auszuschließen", erläutert Dr. Anne Hecksteden, eine der Sportmedizinerinnen im Institut.

Die vom Herzen reflektierten Schallwellen fügt der Computer zu Bildern zusammen. "Anhand dieser Darstellungen können wir zum Beispiel feststellen, ob die Herzklappen und der Blutfluss in Ordnung sind oder ob das Herz krankhaft vergrößert ist", sagt Hecksteden. "Ursachen für ein krankhaft vergrößertes Herz können zum Beispiel genetische Faktoren, Bluthochdruck, Herzklappenerkrankungen, eine übergangene Herzmuskelentzündung oder eine Herzmuskelschwäche durch verengte Herzkrankgefäße sein."

Die Verengungen werden durch Ablagerungen hervorgerufen, die sich insbesondere an den Arterienwänden bilden, wenn Risikofaktoren wie erhöhter Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, Rauchen und Bewegungsmangel vorliegen. Mit zunehmender Größe behindern die Ablagerungen, auch Plaques genannt, den Blutfluss und somit den Sauerstofftransport zum Herzmuskel.

Körperfett-Messung

In der Funktionsabteilung werden zunächst Größe, Gewicht und der Körperfettanteil ermittelt. "Wir messen die Hautfaltendicke mit einer Messzange nach der sogenannten Caliper-Methode und können damit den Körperfettanteil sehr gut abschätzen", erklärt der Leistungsdiagnostiker Sascha Schwindling. Mit der Messzange (englisch: caliper) werden zehn bestimmte Punkte am ganzen Körper gegriffen. Anhand der gemessenen Hautfaltendicke ergibt sich der Anteil des Fetts am Gesamtkörpergewicht. Die einfache Messmethode ermöglicht sehr genaue Werte. "Die Abweichung liegt bei nur zwei Prozent", sagt Schwindling. Frauen haben im Durchschnitt 25 Prozent Fettanteil im Körper, Männer rund 15 Prozent. Sportler haben in der Regel deutlich weniger Fett. Bei weiblichen Athleten sind es rund 15 Prozent, bei den Männern etwa zehn Prozent.

EKG misst Herzaktivität

Zur Diagnostik gehört auch ein sogenanntes Ruhe-EKG (Elektrokardiogramm) im Liegen. Drei Minuten lang werden dann über Elektroden, die an bestimmten Stellen auf die Haut geklebt werden, die elektrischen Aktivitäten der Herzmuskelfasern aufgezeichnet. Nach fünf Minuten liegen wird zudem der Ruheblutdruck an beiden Armen gemessen. "Bei einem Blutdruck über 140 messen wir noch einmal", erklärt Sascha Schwindling. "Möglicherweise war der Patient wegen der Untersuchung etwas aufgeregt." Wird ein Blutdruck von über 160 gemessen, müssen die Ärzte entscheiden, ob das Risiko einer Überlastung von Herz und Gefäßen zu groß ist.

Stufentest auf dem Laufband

Für den Belastungstest wird das Laufband gewählt, wenn ein Laufsportler untersucht wird. Andere Sportler und Patienten werden in der Regel auf ein Fahrradergometer gesetzt. Alle bleiben bei diesen Ausdauertests ans EKG angeschlossen. "So kann der Arzt sofort sehen, ob es beim Test zu Herzrhythmusstörungen oder Anzeichen für einen Sauerstoffmangel in der Herzmuskulatur kommt", erläutert Anne Hecksteden. Um die Kurven, die auf dem Bildschirm angezeigt werden, richtig deuten zu können, ist eine gewisse Erfahrung vonnöten. Die Bewegung des Oberkörpers auf dem Laufband oder dem Fahrrad verursacht Störungen (Artefakte) in den Kurven, die fälschlicherweise als Herzrhythmusstörungen gedeutet werden könnten.

Völlige Ausbelastung

Auf Laufband oder Fahrradergometer werden die Patienten und Sportler ausbelastet, falls nicht zuvor krankhafte Befunde festgestellt werden. "Nur so kann man erkennen, ob auch bei höchster Belastung das Herz gesund arbeitet", verdeutlicht Sascha Schwindling.

Bei nicht wenigen Wiedereinsteigern bringt der Test ans Licht, dass der Blutdruck unter Belastung zu hoch wird. "Die Werte steigen dann oft exzessiv an", berichtet Anne Hecksteden, "obwohl in Ruhe die Werte noch im Normbereich oder nur leicht erhöht sind." Um hohen Blutdruck im Alltag in den Griff zu bekommen, sei regelmäßiger Ausdauersport oft das beste Medikament, sagt die Ärztin. Allerdings ist bei deutlich erhöhten Werten unter Belastung zumindest in der Anfangsphase eine medikamentöse Therapie erforderlich, um akute Gefahren zu vermeiden.

Laktat-Messungen

In manchen Fällen werden beim Ausdauercheck auch die Laktatwerte ermittelt. Dazu wird die Belastungsintensität auf dem Laufband oder dem Fahrradergometer in regelmäßigen Abständen immer weiter erhöht. Zu Beginn des Tests und vor jeder Tempo-Steigerung entnimmt der Diagnostiker aus dem Ohrläppchen des Patienten oder Sportlers einen Tropfen Blut, um die darin enthaltene Menge an Laktat (Milchsäure) zu messen. Anhand der Laktatwerte kann man exakt bestimmen, wie gut die Ausdauer der Testperson ist.

Bei geringer, gleichmäßiger Belastung werden in der Muskulatur Kohlenhydrate (Zucker) und Fette mit Hilfe von Sauerstoff (aerob) verbrannt. Bei zunehmendem Tempo muss die Muskulatur in immer kürzerer Zeit immer mehr Energie zur Verfügung stellen. Der Körper schafft es bei hoher Belastungsintensität nicht mehr, genügend Energie über diesen Stoffwechselweg zur Verfügung zu stellen und schaltet dann notgedrungen auf die zweite Möglichkeit der Energiegewinnung um. Er produziert Energie aus Kohlenhydraten ohne Zufuhr von Sauerstoff (anaerob). Dabei sammelt sich bei anhaltend hoher Belastung vermehrt Laktat im Muskel an.

Fehlendes Training

"Lange glaubte man, dass nicht mehr genügend Sauerstoff zur Verfügung stünde, um die benötigte Energie rein über den aeroben Weg bereitzustellen. Mittlerweile ist man jedoch davon überzeugt, dass die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, nicht ausreichend trainiert sind, um diese Arbeit zu leisten, und der Körper daher den anaeroben Energiestoffwechsel nutzen muss", so Sascha Schwindling.

Bildet der Körper bei intensiver Ausdauerbelastung so viel Laktat, wie er gerade noch abbauen kann, befindet er sich in einem Laktatgleichgewicht. Die höchste Belastungsstufe, bei der dieses Gleichgewicht gerade noch vorliegt, bezeichnet man als anaerobe Schwelle. Oberhalb der Schwelle ist die Laktatproduktion so hoch, dass die Muskulatur übersäuert und schließlich schlappmacht.

Ausgehend von dieser anaeroben Schwelle und dem Puls, den der Patient oder Sportler an der Schwelle hat, können die Wissenschaftler seine Trainingsbelastung optimal dosieren. Sie können anhand der Laktatkonzentration im Blut auch erkennen, ob ihre Testperson tatsächlich völlig ausbelastet ist - Schummeln unmöglich.

Bei den Tests ist immer ein Arzt dabei, der regelmäßig den Blutdruck kontrolliert und die EKG-Kurven im Auge behält. Abgebrochen wird der Test, wenn das Belastungs-EKG Auffälligkeiten anzeigt, der Blutdruck verrückt spielt oder der Patient über zunehmende Beschwerden wie etwa Schwindel oder Schmerzen in der Brust klagt.

1000 Tests im Jahr

Am Institut für Sport- und Präventivmedizin stehen pro Tag sechs bis acht Belastungstests auf dem Plan, über 1000 im Jahr. "Wir untersuchen sowohl Spitzensportler, die einem Kader auf Bundes- oder Landesebene angehören, Patienten, die von ihrem Hausarzt überwiesen werden, als auch Teilnehmer von Herzsport- und Präventivsportgruppen", sagt Sascha Schwindling. Seit einigen Jahren gilt, dass sich Herzpatienten nicht mehr schonen, sondern möglichst schnell mit einem durchaus intensiven Ausdauertraining beginnen sollen. Ein Test liefert die Daten, anhand derer für jeden Herzpatienten ein Trainingsplan mit individuell festgelegtem Trainingsumfang und passender Intensität erstellt werden kann.

Untersuchungen am Institut für Sport- und Präventivmedizin sind je nach Fragestellung und Versichertenverhältnis auf Überweisung oder als Selbstzahlerleistung möglich. Interessenten können sich ans Sekretariat wenden. Tel.: (06 81) 302-7 04 00.


 Die Sportmedizinerin Dr. Anne Hecksteden untersucht per Ultraschall das Herz der Sportlerin Alexandra Helmin. Die Ärztin kann zum Beispiel feststellen, ob die Herzklappen und der Blutfluss in Ordnung sind.
Die Sportmedizinerin Dr. Anne Hecksteden untersucht per Ultraschall das Herz der Sportlerin Alexandra Helmin. Die Ärztin kann zum Beispiel feststellen, ob die Herzklappen und der Blutfluss in Ordnung sind.
 Die Ärztin Annette Hilpert prüft nach dem Laufbandtest den Blutdruck der Sportlerin. Felicitas Offergeld zapft am Ohr ein wenig Blut ab.
Die Ärztin Annette Hilpert prüft nach dem Laufbandtest den Blutdruck der Sportlerin. Felicitas Offergeld zapft am Ohr ein wenig Blut ab.
 Der Leistungsdiagnostiker Sascha Schwindling misst vor dem Belastungstest, ob der Blutdruck der Sportler und Patienten in Ordnung ist.
Der Leistungsdiagnostiker Sascha Schwindling misst vor dem Belastungstest, ob der Blutdruck der Sportler und Patienten in Ordnung ist.