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| 12:51 Uhr

Körperkunst
Knorpelschäden durch den Nasenring

Ob, wie viele und welche Körperstellen durchbohrt und mit Piercings geschmückt werden sollen, ist Geschmacksache. Allerdings sollten mögliche Risiken bedacht werden. Experten raten vorab zur fachärztlichen Beratung.
Ob, wie viele und welche Körperstellen durchbohrt und mit Piercings geschmückt werden sollen, ist Geschmacksache. Allerdings sollten mögliche Risiken bedacht werden. Experten raten vorab zur fachärztlichen Beratung. FOTO: Oliver Stratmann / dpa
Bremen. Auch geweitete Ohrlöcher liegen bei jungen Leuten im Trend. Doch „Ohrtunnel“ und andere Piercings bereiten oft Probleme – vor allem wenn sie wieder weg sollen. Von Daniela Schulz

Wenn Joel Miggler Suppe essen möchte, muss er sich vorher eine Art Badewannenstöpsel in beide Wangen stecken. Der 25-Jährige aus Baden-Württemberg hat fast vier Zentimeter breite Löcher auf beiden Gesichtshälften. Liebevoll nennt er seinen Körperschmuck „stretched“ oder „big cheeks“, übersetzt: große, gedehnte Wangenlöcher. Diese extreme und seltene Form des Piercings hat ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde beschert. Insgesamt elf solcher mehr oder weniger großen „Fleischtunnel“ zieren sein Gesicht. „Es macht mich einzigartig“, verkündet er stolz in seinem Gewinner-Video, aber mit undeutlicher Stimme, denn auch das Sprechen scheint durch diese Art Körperkunst beeinträchtigt.

Die meisten Deutschen sind weniger extrem, wenn es ums Piercen geht. Laut einer Studie der Bochumer Ruhr-Universität tragen sieben Prozent der Menschen hierzulande ein Piercing. Damit sind keine herkömmlichen Ohrlöcher gemeint, sondern Schmuck in Form von Ringen und Stäben an verschiedenen Körperstellen, wie zum Beispiel in der Ohrmuschel, der Nase oder am Bauchnabel. Es sind eher Frauen als Männer, die sich für Piercings interessieren, und es gibt keinen Zusammenhang mit dem sozialen Status, haben die Forscher in ihrer Studie herausgefunden.

„Das ist im Normalfall kein Problem“, findet Andreas Naumann vom Klinikum Bremen-Mitte, „doch beim Piercen werden immer öfter Ohrknorpel oder anderes Gewebe beschädigt.“ Naumann ist Professor und Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und – wie er von sich selbst sagt – erfahrener „Ohr-Rekonstrukteur“. Das heißt, zu ihm kommen Menschen, die sich von ihrem Piercing trennen wollen oder bei denen im Piercing-Studio etwas schiefgelaufen ist. „Das reicht von Allergien über Entzündungen bis hin zum Knorpelverlust“, berichtet Naumann.

Gerade die Knorpelschäden bereitet dem Experten große Sorge. „Der Knorpel im Ohr- und Nasenbereich ist ein empfindliches Gewebe, das normalerweise durch eine Knorpelhaut geschützt und ernährt wird. Wird diese Haut verletzt, können Viren und Bakterien eindringen.“

Im schlimmsten Fall sterbe sogar Knorpelgewebe ab. „Ich hatte den Fall einer jungen Frau, da musste ein Teil der Ohrmuschel entfernt werden. Die Folge war eine aufwendige Operation, bei der man aus der Rippe Gewebe entnehmen musste, um das Ohr wiederaufbauen zu können,“ erzählt Naumann.

In den letzten Jahren hat sich aber noch ein weiterer Ohrloch-Trend gebildet. Immer mehr junge Leute interessieren sich für sogenannte Ohrtunnel-Piercings, einfacher auch als Tunnelpiercings bezeichnet. Dabei wird ein Loch im Ohrläppchen durch einen Platzhalter langsam geweitet. Im Internet geben sich Fleischtunnel-Fans gegenseitig Tipps, wie man sein Ohrloch mit Hilfe von speziellen Stäben richtig dehnt. Woche für Woche kämpft man sich dabei um wenige Millimeter vor, bis das Loch die gewünschte Größe hat.

Allgemein gehen die Fans solcher Körperkunst davon aus, dass man bis zu einem Loch von sechs Millimetern immer noch einen Rückzieher machen könne. Das Ohrloch wachse dann von selbst noch mal zu. Andreas Naumann bestätigt, dass kleinere Ohrlöcher, wie man sie von herkömmlichen Ohrsteckern kennt, tatsächlich in der Regel nach wenigen Wochen von alleine zuwachsen. Aber bei Tunnelpiercings sei generell Vorsicht geboten: „Ich höre immer wieder, dass die Gefahr heruntergespielt wird. Die Wahrheit ist: Nimmt man den Platzhalter aus dem Ohrläppchen, bleibt meist ein unschöner Hautlappen zurück. Die Gewebereste an der Stelle sind so dünn, dass das ausgeleierte Ohrläppchen nur mit Hilfe einer aufwendigen Lappenplastik wiederhergestellt werden kann.“

Dazu müssen Hautlappen umverteilt und neu verpflanzt werden. „Ich will kein Moralapostel sein“, sagt der HNO-Experte, „aber wer sich für so ein Piercing interessiert, der sollte alle Risiken kennen.“ Wird eine Operation erforderlich, weil etwas schiefgegangen ist, können Kosten im bis zu vierstelligen Bereich entstehen, die die Krankenkassen nicht übernehmen.

Denn manche Fans wollen ihre Fleischtunnel schneller wieder weghaben, als anfangs gedacht, zum Beispiel bei einen Jobwechsel. Nicht jeder Arbeitgeber toleriert Körpermodifikationen, auch Bodmods genannt. Dazu zählen neben den Löchern im Nasen- und Ohrenbereich auch Zungen-Piercings. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde rät, sich wie vor jedem Piercing-Eingriff von einem Facharzt beraten zu lassen. Komplikationen wie Einblutungen könnten zum Beispiel verringert werden, wenn der Piercer über Erfahrung verfüge, das Studio hygienisch sei und sich um die Nachsorge kümmere.

Rekordhalter Joel Miggler macht sich um ein mögliches Ende seine Piercings wohl noch keine Gedanken. Als Körperkünstler experimentiert er weiter mit seinem Extrem-Körperschmuck. Zuletzt hat er sich seine Augäpfel per Injektion schwarz färben lassen.