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„Eine menschliche Medizin muss vorbeugen statt zu reparieren“

„Eine menschliche Medizin muss vorbeugen statt zu reparieren“

Dr. Jörg Spitz ist Professor für Nuklearmedizin sowie Gründer der Deutschen Stiftung für Gesundheitsinformation & Prävention (DSGIP) und der Akademie für menschliche Medizin. Unsere Mitarbeiterin Ulrike Gonder sprach mit Spitz über seine Präventionskonzepte.

Herr Professor Spitz, warum brauchen wir eine menschlichere Medizin ?

Jörg Spitz: Ich habe mit unserem Gesundheitssystem jetzt gut 50 Jahre Erfahrung. Dabei konnte ich beobachten, dass es eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Unmenschlichkeit gibt. Der Besuch beim Arzt bleibt davon nicht unberührt. Es bleibt kaum Zeit, um mit den Patienten zu reden, der Arzt wird dafür nicht vernünftig honoriert. Seine Ausbildung ist technologie- und arzneimittellastig. Die Segnungen wirksamer Medikamente sind unbestritten. Die Menschen leiden heute aber immer häufiger an chronischen Krankheiten, gegen die es keine Pille gibt. Die Menschen werden zwar behandelt, aber nicht geheilt. Das ist unmenschlich.

Ein Fehler im System?

Spitz: In der Tat. Denn die Krankheitsursachen werden nicht beseitigt. Man behandelt symptomatisch, setzt etwa bei verstopften Herzgefäßen nur lokale Stents, und wundert sich, wenn der Patient bald danach einen Schlaganfall erleidet. Man macht die Menschen nicht gesund. Eine menschliche Medizin muss dem Menschen dienen, sie muss vorbeugen und regenerieren statt reparieren.

Wie könnte eine ursächliche Behandlung aussehen?

Spitz: Die Menschen leiden und sterben heute meist an Zivilisationskrankheiten. Wenn die Zivilisation die Menschen immer kränker werden lässt, muss die Frage lauten: Was hat sich durch die Zivilisation verschlechtert? Die Antwort ist: Wir leiden an vielfältigen Mängeln, sei es der Mangel an Vitamin D, weil wir zu wenig in die Sonne gehen, der Mangel an Bewegung, weil unser Job zehn Stunden am Schreibtisch erfordert, der Mangel an Schlaf, weil wir durch künstliches Licht die Tag-Nacht-Rhythmik stören, oder der Mangel an sozialem Miteinander, Musik, Tanz oder Entspannung. Dieses "Naturdefizit" macht uns krank, sowohl als Individuen als auch als Gesellschaft.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Spitz: Nehmen wir die Schwerkraft, die wie alle anderen natürlichen Einflüsse für den Körper wichtig ist. Schickt man kerngesunde, topfitte junge Menschen ins All, wo es keine Schwerkraft gibt, kommen sie trotz bester Ernährung mit brüchigen Knochen und Muskelschwund zurück. Fehlen dem Körper wichtige Informationen wie die Schwerkraft oder die durch Muskelarbeit oder Tageslicht ausgelösten Signale, kommt es zur Fehlsteuerung und letztlich zur Krankheit, auch zu Demenz.

Was kann dagegen getan werden?

Spitz: Wir müssen das gesamte System sehen. Der Mensch ist abhängig von seiner inneren und äußeren Umwelt. Ist die Umwelt krank, kann der Mensch nicht gesund bleiben. Wir brauchen eine systematische, eine umfängliche Prävention.

Sind die Themen Ihrer Stiftung und Kongresse deswegen so bunt?

Spitz: Ja, weil es viele Lebensstilfaktoren gibt, die uns gesund oder eben krank machen. Damit wir eine gesunde Wahl haben, setzen wir vor allem auf Prävention der Verhältnisse.

Also auch gutes Kantinenessen, längere Pausen, gesunde Freizeitangebote?

Spitz: Zum Beispiel. Im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung lässt sich schon sehr viel bewegen. Und davon profitieren sowohl die Mitarbeiter als auch die Arbeitgeber. Es gibt schon so viele praktisch nutzbare Erkenntnisse für die Prävention. Mit meiner Stiftung und mit der Akademie für menschliche Medizin möchte ich die Kräfte bündeln, eine Plattform bieten und ein Netzwerk errichten, wo jeder, Therapeuten wie Patienten, fündig werden kann. Wir müssen zudem eine Lobby bilden, die dem Mainstream etwas entgegenzusetzen hat. Denn echte, weil wirksame Prävention ist leider nicht von allen gewünscht.