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Die Sommerzeit schadet Körper und Geist

Martin Lindemann

Sommerzeit: Am 29. März werden um 2 Uhr in der Früh die Uhren eine Stunde vorgestellt. Dann gilt wieder bis Ende Oktober die Sommerzeit. Wissenschaftler gehen mit der Zeitumstellung hart ins Gericht. "Politiker zwingen ihre Wähler mit der antiquierten Sommerzeit dazu, monatelang gegen die innere Uhr zu leben", sagt der Hamburger Neurobiologe und Wissenschaftspublizist Dr. Peter Spork. "Die Folgen können Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Verdauungsstörungen und chronischer Schlafmangel sein."

Eine aktuelle repräsentative Umfrage der DAK belegt, dass 73 Prozent der Menschen in Deutschland dafür sind, die Sommerzeit abzuschaffen. 2010 zeigte der DAK-Gesundheitsreport, dass in Deutschland rund 20 Millionen berufstätige Menschen unter Schlafproblemen leiden. Vier Millionen Erwerbstätige sind von schweren Schlafstörungen betroffen. Am folgenden Tag klagen sie oft über Reizbarkeit, Angst, depressive Verstimmungen und sogar Depressionen .

"Die Einteilung unserer Arbeitszeiten widerspricht drastisch den wissenschaftlichen Erkenntnissen", betont Peter Spork. "Und die Sommerzeit verschärft dieses Problem für sieben Monate." Warum das so ist, wurde in den vergangenen Jahren gut erforscht.

Jede unserer Körperzellen besitzt eine eigene innere Uhr und stimmt sich mit den Uhren anderer Zellen ab. Letztlich ist der ganze Organismus rhythmisch organisiert. "Jede Zelle, jedes Organ, jedes innere Signal folgt den Rhythmen der Außenwelt, vor allem dem Wechsel von Tag und Nacht", sagt Spork. Die innere Uhr steuert das Auf und Ab von Schläfrigkeit, Körpertemperatur, Stoffwechsel, Blutdruck, Hormonproduktion, Hungergefühl, Schmerzempfindlichkeit und auch die Gemütsstimmung und die Lernfähigkeit.

Gesteuert werden die Zelluhren vom Gehirn . In der Netzhaut des Auges sitzen Lichtsensoren, die Melanopsin-Zellen. Sie messen ständig die durchschnittliche Helligkeit. "Sie sind stark erregt, wenn es helllichter Tag ist, schwach erregt bei Dämmerung und still bei Nacht", erläutert Peter Spork. Sie senden ihre Informationen an zwei reiskorngroße Nervenzellkerne im Gehirn , die zwei Zentimeter hinter den Augen liegen und den inneren Rhythmus unseres Körpers steuern. Man kann von der Kommandozentrale für unser Zeitgefühl sprechen. Dieses System hat sich im Laufe einer langen Evolution entwickelt. Die innere Uhr ist also ein biologisches System, das wir geerbt haben. Taktgeber war Jahrtausende lang das Sonnenlicht. Noch heute folgt unsere innere Uhr dem Sonnenauf- und -untergang. Die schlagartige Umstellung von Winter- auf Sommerzeit verwirrt die innere Uhr", sagt Professor Dr. Till Roenneberg von der Universität München . Er befasst sich mit Chronobiologie ; diese Fachrichtung erforscht die innere Uhr von Lebewesen. Es dauert mehr als vier Wochen, bis sich der menschliche Organismus an die künstliche Zeitverschiebung angepasst hat. Doch sehr viele kommen in den neuen Rhythmus nie vollständig hinein. Denn es gibt unter den Menschen genetisch bedingte Unterschiede, wie ihre innere Uhr dem Rhythmus von Tag und Nacht folgt.

Die Forscher der Uni München haben gezeigt, dass der natürliche Schlafrhythmus verschiedener Menschen zwölf Stunden auseinanderliegt. Man spricht von unterschiedlichen Chronotypen. Legt man ein Schlafbedürfnis von acht Stunden zugrunde, liegen extreme Frühaufsteher von 20 bis 4 Uhr im Bett. Eingefleischte Spättypen legen sich nachts erst um 4 Uhr aufs Ohr und wachen gegen 12 Uhr am Mittag von allein wieder auf. Wenn man sie lässt. Wenn nicht der Wecker früher klingelt. Die Frühtypen werden Lerchen genannt, die Spättypen Eulen.

Die meisten Menschen zählen zu den gemäßigten Lerchen und Eulen. Eine Untersuchung der Uni München hat erbracht, dass etwa 60 Prozent der Bundesbürger, zumindest dann, wenn sie nicht arbeiten und keinen Wecker stellen müssen, zwischen 23.30 Uhr und 1.30 Uhr ins Bett gehen und zwischen 7.30 und 9.30 Uhr wieder aufstehen.

"Der frühe Arbeitsbeginn in den meisten Unternehmen, Firmen und Behörden kommt den Frühaufstehern zugute", sagt Till Roenneberg. Er verweist auf eines der bedeutsamsten Ergebnisse der chronobiologischen Forschung : "Langschläfer können sich ihr ganzes Leben lang nicht an diese frühe Zeiten gewöhnen. Ein Chronotyp kann nicht geändert werden." Das heißt, für etwa 60 Prozent der Deutschen liegen die üblichen Arbeitszeiten zu früh. Und weil während der Sommerzeit Arbeit und Schule in Bezug zum Lauf der Sonne eine Stunde früher beginnen, sind noch mehr Menschen betroffen. Wenn sie aus dem Bett müssen, ist ihre biologisch erforderliche Schlafenszeit noch nicht beendet, so dass sie regelmäßig zu wenig schlafen. "Sie müssen aber mit den von außen vorgegebenen Zeiten leben", sagt Roenneberg.

Buchtipp: Schul- und Arbeitsbeginn liegen für den natürlichen Schlafrhythmus der meisten Menschen zu früh. Das Problem verschlimmert sich durch Schichtarbeit und Sommerzeit. Die wissenschaftlichen Zusammenhänge und medizinisch fundierte Gegenmaßnahmen beschreibt Peter Spork in seinem glänzend recherchierten Buch: Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Geselleschaft, Hanser-Verlag, 18,90 Euro.