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Alte Menschen fühlen sich immer jünger

Alte Menschen fühlen sich immer jünger

Frauen wie Männer, die heute 75 Jahre alt sind, fühlen sich im Durchschnitt weniger einsam und gehen davon aus, selbstbestimmter zu leben als 75-Jährige vor 20 Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt die Berliner Altersstudie II, für die Wissenschaftler verschiedener Disziplinen seit 2009 mehr als 1600 ältere und 600 jüngere Menschen untersuchen. Dem Forscherteam gehören Psychologen, Mediziner, Ernährungs- und Sozialwissenschaftler sowie Genetiker an.

Die Studie zeigt, dass der Anstieg der Lebenserwartung mit einem Zugewinn an gesunden Jahren einhergeht. Die geistige Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden im Alter bleiben länger erhalten, als das vor 20 Jahren der Fall war. "Heutige 75-Jährige sind geistig fitter und glücklicher als 75-Jährige im Jahr 1996", sagt Professor Dr. Denis Gerstorf vom Institut für Psychologie der Humboldt-Universität Berlin. "Die verlängerte Lebenserwartung bedeutet keinesfalls, dass sich der Zeitraum, in dem ältere Menschen von gesundheitlichen Einschränkungen oder geistigen Einbußen betroffen sind, einfach in die Länge zieht. Vielmehr verdichten sich die Beschwerden erst zum Ende des Lebens hin", erläutert Gerstorf.

Die Berliner Studie belegt auch, dass alte Menschen, die rege soziale Kontakte pflegen, zufriedener mit ihrem Leben und geistig leistungsfähiger sind. Dabei spielt auch die Wohnsituation eine Rolle. Die Analysen zeigen, dass die soziale Unterstützung in der Nachbarschaft, aber auch der Zugang zu Bussen und Bahnen für das Wohlbefinden und die Gesundheit wichtig sind. "Ein Grund dafür könnte sein, dass ältere Menschen hierdurch noch lange Zeit eigenständig etwas unternehmen, Bekannte besuchen oder auch selbst zum Arzt gehen können", sagt Professor Dr. Gert G. Wagner, einer der Autoren der Studie.

Es spielt auch eine Rolle, wie man seine eigene Zukunft sieht. Menschen, die erwarten, dass sie noch viele Jahre offen für Neues sein werden, können sich neue Informationen besser einprägen als Menschen ohne diese Erwartung. "Den positiven Zusammenhang zwischen den Erwartungen an seine eigene Zukunft und der Merkfähigkeit finden wir sehr spannend", sagt Professor Dr. Ulman Lindenberger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Warum das so ist, sollen weitere Untersuchungen klären.

Dass sich gleich alte Menschen unterschiedlich alt fühlen und es biologisch gesehen auch sind, bezieht sich nicht nur auf die Funktionsfähigkeit des Gehirns. Auch die körperliche Fitness kann höchst unterschiedlich sein. Das zeigt sich etwa beim System der Blutbildung. Bei sechs Prozent der Teilnehmer der Berliner Altersstudie war der Blutfarbstoff Hämoglobin verringert. Man spricht von Anämie, volkstümlich Blutarmut. Das Hämoglobin transportiert den Sauerstoff durchs die Blutbahnen.

Einen Hinweis auf das biologische Alter gibt auch ein Blick ins Innere der Zellen. Um neues Gewebe zu bilden und somit die Lebensfähigkeit des Organismus zu erhalten, teilt sich ein Teil der Zellen im menschlichen Körper fortwährend. Dabei wird das Erbgut der Mutterzelle auf die beiden neuen Tochterzellen übertragen. Es entstehen frische, leistungsfähige Zellen. Im Zellkern lagern die länglichen, nur fünf tausendstel Millimeter großen Chromosomen , die das Erbgut, die Gene, enthalten. Die Enden der Chromosomen heißen Telomere. Bei jeder Zellteilung geht ein Stück der Telomere verloren. Sind sie zu kurz geworden, teilen sich die Zellen nicht mehr und gehen zugrunde. Das ist ein Grund dafür, warum wir altern.

Je kürzer also die Telomere sind, desto weiter ist der Alterungsprozess der Zelle vorangeschritten. Bei gleich alten Menschen finden sich höchst unterschiedlich lange Telomere. Mediziner der Universität des Saarlandes haben schon 2009 in einer bahnbrechenden Studie nachweisen können, dass regelmäßiger Ausdauersport die Verkürzung der Telomere deutlich verzögert. Die Alterung der Zellen verlangsamt sich dadurch nachweislich.