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Wenn die alte Heimat plötzlich so fremd wirkt

Beim Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ verbringen Oberstufenschüler mehrere Monate auf einem Segelschiff. In einem Forschungsprojekt haben Psychologen jetzt Reiseberichte der Heranwachsenden ausgewertet, um herauszufinden, wie sie die Zeit nach der Rückkehr erleben.
Beim Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ verbringen Oberstufenschüler mehrere Monate auf einem Segelschiff. In einem Forschungsprojekt haben Psychologen jetzt Reiseberichte der Heranwachsenden ausgewertet, um herauszufinden, wie sie die Zeit nach der Rückkehr erleben. FOTO: KUS-Projekt / KUS
Stavanger. Ein längerer Auslandsaufenthalt ist eine bereichernde Erfahrung. Doch nach der Rückkehr erleben viele Reisende einen Kulturschock. Von Maren Peters

Endlich wieder Zuhause. Darauf freuen sich die meisten Menschen nach längeren Auslandsaufenthalten. Auch deren Familien und Freunde stellen sich darauf ein. Sie freuen sich auf spannende Berichte des Heimkehrers, vor allem aber darüber, die vermisste Person wieder in ihrer Mitte aufnehmen zu können.Eben diese Erwartung macht es den Rückkehrern jedoch oft schwer, wieder richtig anzukommen. Denn nach der ersten Wiedersehensfreude wirkt der heimatliche Alltag für sie oft eintönig und trist. Und so hadern zum Beispiel viele Austauschschüler und -studenten, Menschen, die längere Zeit im Ausland arbeiteten, und auch Langzeitreisende nach der Heimkehr mit ihrem früheren Leben. Sie finden sich nur schwer wieder im Alltag zurecht. Einige verlassen sogar ihren alten Freundeskreis und orientieren sich neu.


„Die Schwierigkeiten wieder daheim anzukommen haben viele Ursachen“, erklärt Ulrich Dettweiler, Bildungsforscher und Professor für Pädagogik an der norwegischen Universität Stavanger. „Natürlich ist der Kontrast zwischen dem im Ausland oft sehr intensiv Erlebten und dem Alltag zuhause sehr stark. Viele Heimkehrer trauern regelrecht über das Ende ihres auswärtigen Aufenthalts.“ Ihr größtes Problem sei jedoch, dass niemand bei der Rückkehr eine ähnlich große Herausforderung in puncto Zurechtfinden erwarte, wie beim Aufbruch ins Ausland. Das Umfeld sei ja wohlbekannt, Familie und Freunde seien in aller Regel sehr vermisst worden, sagt Dettweiler. Er analysierte mit Kollegen Reiseberichte von 128 gymnasialen Zehntklässlern aus Deutschland, die an dem pädagogischen Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ teilgenommen hatten. Die Heranwachsenden verbrachten in vier aufeinander folgenden Gruppen jeweils ein halbes Jahr auf einem Segelschiff in der Karibik, Mittel- und Südamerika sowie einige Wochen in Gastfamilien auf Kuba und in Costa Rica. Fast alle Teilnehmer hätten nach einer kurzen Euphoriephase direkt bei der Rückkehr einen Absturz in eine psychische Krise erlebt. Einige seien regelrecht depressiv geworden.

„Die Jugendlichen gaben an, dass sie in ihren sechs Monaten in Amerika sehr viel erlebt hätten, zuhause sich jedoch kaum jemand für ihre Berichte interessierte. Sie konnten ihre Erfahrungen nicht teilen. Selbst im Unterricht durften viele der übrigen Klasse nicht über ihre Reise referieren“, erläutert Dettweiler den Graben, der sich zwischen Heimkehrern und Daheimgebliebenen auftat. Häufig trafen die Rückkehrer nicht nur auf schlechte Zuhörer, sie wurden selbst mit Neuigkeiten aus dem Alltag der letzten Monate in der Heimat überschüttet. Die empfanden sie allerdings als uninteressant, fühlten sich unverstanden, missachtet und zunehmend isoliert, fanden die Bildungsforscher heraus. Sie gaben dem Phänomen den Namen „Reverse Culture Shock“ – umgekehrter Kulturschock.



Den Begriff „Kulturschock“ führte 1960 der US-amerikanische Anthropologe Kalervo Oberg ein. Er hatte beobachtet, dass längere Auslandsaufenthalte eine seelische und auch körperliche Belastung bedeuten, die durch das neue Lebens- und Arbeitsumfeld verursacht wird. Einen Kulturschock zu erleiden, bedeutet, durch die Konfrontation mit unerwarteten und unverständlichen Reaktionen aus der Umgebung emotional desorientiert zu sein. Betroffene fühlen sich missverstanden und wissen nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen. Kommt noch eine Sprachbarriere hinzu, führen diese Missverständnisse schnell in soziale Isolation. Der Körper reagiert häufig mit Symptomen wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen oder Bluthochdruck. All dies könne aber auch bei der Rückkehr nach längerer Zeit in der Fremde auftreten, erklärt Dettweiler.

Doch nicht nur das: „Die Zuhausegebliebenen erwarten den gleichen Menschen zurück, den sie verabschiedet und oft schmerzlich vermisst haben“, verdeutlicht der Bildungsforscher. „Vor allem Eltern ist nicht klar, wie sehr sich ihre Kinder in der Zwischenzeit verändert haben. Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit – vor allem, wenn sich eine Persönlichkeit so schnell entwickelt wie bei Teenagern.“ Dass im Anschluss Erfahrungswelten und Erwartungen aufeinander prallen, ist für die Jugendlichen das größte Hindernis um sich schnell wieder zuhause einzuleben. Dettweiler: „Nachdem die Wiedersehensfreude verflogen und die zurückgekehrten Jugendlichen ernüchtert im Alltag gelandet waren, haben sie sich über die sozialen Netzwerke mit anderen ehemaligen Teilnehmern zusammengetan.“ Dabei spielte es nur eine untergeordnete Rolle, ob diese mit ihnen in der gleichen Gruppe auf dem Segelschiff waren oder in vorangegangenen. Nur hier meinten sie, sich frei austauschen zu können, trafen auf in ihren Augen ebenbürtig Erfahrene und Verständnis. „Die Expeditionsteilnehmer nahmen die Umgangsformen und Einstellungen ihres früheren Umfelds häufig schlicht als unpassend wahr und fühlten sie sich aufgrund ihrer Erfahrungen moralisch überlegen“, sagt Dettweiler.

Der Bildungsforscher beobachtete auch, dass sich bei vielen Jugendlichen der Freundeskreis und Lebensmittelpunkt in das neue Umfeld der ehemaligen Teilnehmer verschob und sie sich ihrem alten immer weiter entfremdeten. „Sich derart vor seinem aktuellen Leben zu verschließen und hauptsächlich in einer Erinnerungswelt zu leben, behindert ein schnelles Einleben extrem“, meint Ulrich Dettweiler. Das gelte gleichermaßen für gerade zu einem Auslandsaufenthalt Aufgebrochene, als auch für Rückkehrer.

Die Analyse der Erlebnisberichte der Segeltörnteilnehmer zeigt, dass es lange dauert, bis das Gefühl der Entfremdung überwunden werden kann. Nur die als erstes aufgebrochene Gruppe, also die, deren Rückkehr schon zweieinhalb Jahre zurück lag, scheint vollständig wieder in Deutschland angekommen zu sein. Die Gruppenmitglieder erzählten reflektiert von ihrer Reise, den neuen Ansichten, Einstellungen und ihrem veränderten Weltbild. Sie zogen ein positives Fazit ihrer Teilnahme.

„Unsere Erkenntnisse sind durch die sehr spezielle Situation des intensiven Gruppenerlebnisses während des Segeltörns natürlich nicht eins zu eins auf alle Rückkehrer zu übertragen. Aber sicherlich erlebt ein Großteil tendenziell Ähnliches“, sagt Bildungsforscher Dettweiler. Daher rät er allen Weltenbummlern, ihren Angehörigen und Freunden dringend sich viel Zeit füreinander zu nehmen, aufmerksam gegenseitig zuzuhören und trotz aller Wiedersehensfreude und alten Vertrautheit mit Wiedereingewöhnungsschwierigkeiten zu rechnen.