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Medizin
Tübinger Forscher entwickeln Test zur Alzheimer-Prognose

  Eine Demenz entwickelt sich schleichend. Ein neuer Alzheimer-Test kann Anzeichen bereits viele Jahre vor den ersten Symptomen erkennen.
Eine Demenz entwickelt sich schleichend. Ein neuer Alzheimer-Test kann Anzeichen bereits viele Jahre vor den ersten Symptomen erkennen. FOTO: dpa / Jens Kalaene
Tübingen. Eine neue Blutanalyse soll die Demenz etwa eineinhalb Jahrzehnte vor den ersten Krankheitssymptomen erkennen können.

Die Alzheimer-Demenz zeigt sich schon Jahre vor den ersten klinischen Symptomen an Veränderungen im Blutbild, berichten Forscher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der Uniklinik Tübingen und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung. Sie haben einen Test vorgestellt, der früh Informationen zur Entwicklung der Krankheit geben soll, erklärt das DZNE.


Bis heute gibt es keine wirksame Alzheimer-Behandlung. Das hänge auch damit zusammen, „dass die bisherigen Therapien viel zu spät einsetzen“, erklärt Mathias Jucker vom DZNE. Um neue Behandlungsverfahren entwickeln zu können, bräuchten Wissenschaftler erst einmal eine schnell anzuwendende und verlässliche Methode, um den Krankheitsverlauf vorhersagen und verfolgen zu können – und zwar lange bevor erste Gedächtnisstörungen einsetzen.

Im Zentrum der Alzheimer-Krankheit stehen sogenannte Amyloid-Proteine im Gehirn, von denen allerdings noch nicht wirklich geklärt ist, ob sie eine Folge oder die Ursache der Krankheit sind. Mathias Jucker: „Unser Bluttest misst nicht das Amyloid, sondern das, was es im Gehirn anrichtet, nämlich Neurodegeneration. Anders gesagt: den Tod von Nervenzellen.“ Dieser Vorgang hinterlässt Spuren im Blutbild, denn eines der Proteine, die beim Zerfall der abgestorbenen Nervenzellen übrig bleiben, lasse sich zuverlässig bestimmen. Die Forscher sprechen von einem Neurofilament. Der Bluttest könne den Eiweißstoff Jahre vor dem Auftreten der ersten Alzheimer-Symp­tome nachweisen.



Wie können sich die Wissenschaftler da so sicher sein? Sie arbeiten mit einem internationalen Forschungsnetzwerk zusammen, das Patienten betreut, die an einer seltenen, genetischen Alzheimer-Variante leiden. Sie breche in der Regel schon im fünften Lebensjahrzehnt aus, erklärt Mathias Jucker. Dieses Risiko lasse sich über Gen-Analysen recht präzise bestimmen, und mit diesen Daten würden die Ergebnisse der Bluttests abgeglichen. Erste Berechnungen zeigten, so das DZNE, dass das Testverfahren möglicherweise bis zu 16 Jahre vor den ersten Demenz-Symptomen Alarm schlagen könne. „Wir konnten Vorhersagen über den Verlust von Hirnmasse und über kognitive Beeinträchtigungen machen, die dann zwei Jahre später tatsächlich eingetreten sind“, sagt Mathias Jucker.

Dass die Forschergruppe den Test als „nur bedingt zur Diagnose von Alzheimer-Diagnose geeignet“ einstuft, hängt damit zusammen, dass die Neurofilamente nicht nur bei Alzheimer entstehen können, sondern auch bei anderen Krankheiten des zentralen Nervensystems. „Der Test zeigt aber sehr genau den Krankheitsverlauf an und ist damit ein ausgezeichnetes Werkzeug, um in klinischen Studien neue Alzheimer-Therapien zu erforschen“, sagt Jucker.