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| 20:33 Uhr

Bludruck
So werden Millionen Menschen zu Patienten

Saarbrücken . Die Fachgesellschaft für Kardiologie der USA hat den Grenzwert für Bluthochdruck deutlich reduziert. Nun gilt jeder zweite US-Bürger als Bluthochdruckpatient. Von Maren Peters

In den USA gelten seit Kurzem niedrigere Grenzwerte für den Blutdruck als in Europa. Bei identischen Werten würden damit Ärzte in den USA und in Deutschland unterschiedliche Diagnosen stellen. Denn laut den US-Leitlinien ist der Grenzwert für Bluthochdruck (Hypertonie) von 140/90 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) auf 130/80 herabgesetzt worden. Dadurch gilt die Hälfte der US-Bürger als bluthochdruckkrank und behandlungsbedürftig. Nach der früheren Grenze, die der in Europa entsprach, war es nur ein Drittel.

In Deutschland sähe es ähnlich aus, würde die  Grenze den US-Werten angepasst. Ob dies geschieht, ist aber fraglich. Es soll zwar bald eine neue Leitlinie geben, aber die deutschen Ärzte sind vom Nutzen des US-Grenzwerts nicht überzeugt. „Derzeit gilt bei uns ein Blutdruck zwischen 130/80 und 140/90 mmHg als hochnormal“, sagt Bernhard Krämer, von der Universitätsmedizin Mannheim und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. „Auch wenn die Betroffenen noch nicht als krank eingestuft werden, heißt das nicht, dass sie unbesorgt so weiter leben sollten wie bisher.“ Ihnen sei dringend angeraten, den Lebensstil zu ändern.

„Wenn man die Situation in den USA und Europa genau vergleicht, ergeben sich gar nicht so große Unterschiede“, erklärt Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Erwachsenenkardiologie am Herzzentrum München und Wissenschaftlicher Beirat der Herzstiftung. „In erster Linie empfiehlt die amerikanische Fachgesellschaft eine andere Methode zur Blutdruckmessung.“ Sich mehr zu bewegen, das Gewicht zu reduzieren und weniger salzig zu essen lautet das Mantra der Hausärzte bei einem Großteil ihrer Patienten. Genau das empfehlen auch US-Leitlinien für die „neuen“ Hochdruckkranken. Medikamente sind für sie dies- und jenseits des Atlantiks nur in Ausnahmen vorgesehen, etwa wenn weitere Risiken vorliegen. Den Lebensstil zu ändern, erfordere Konsequenz und Geduld. „Da wir in Deutschland bei hochnormalem Blutdruck genauso vorgehen wie die Amerikaner bei den jetzt neu als Bluthochdruck eingestuften Werten, ergibt sich eigentlich nur auf dem Papier ein Unterschied. In der Praxis liegen wir sehr nah beieinander“, erläutert Herzspezialist Schunkert.

Mit-Auslöser für die herabgesetzten US-Werte waren Ergebnisse einer Studie mit Hochrisikopatienten, die unter dem Namen Sprint bekannt wurde. Sie zeigt, dass es den Betroffenen umso besser geht, je niedriger ihr Blutdruck ist. „Die eingesetzte Messmethode ist allerdings umstritten“, relativiert Schunkert. Denn in der Studie wurde der Blutdruck der Patienten unter besonderen Umständen gemessen. Sie waren allein in einem Raum, das Messgerät startete nach etwa fünf Minuten automatisch. „Natürlich kommen dabei andere, niedrigere Werte heraus, als wenn der Patient munter mit der Schwester oder dem Arzt plauscht“, erklärt Schunkert. Die unterschiedliche Einstufung der Blutdruckwerte in den USA und Europa beruhe vor allem auf  abweichenden Messmethoden. So entspräche ein in einer deutschen Praxis gemessener Wert von 135 mmHg etwa einem 125er der Sprint-Studie.

Bluthochdruck ist das größte Risiko für Herzkreislauferkrankungen. „Positiv an der neuen amerikanischen Einschätzung ist sicherlich, dass die Betroffenen stärker sensibilisiert werden“, sagt der Kardiologe Krämer. Die Nachricht, man habe Bluthochdruck im Stadium eins, wirke stärker als die Aussage, der Blutdruck sei hochnormal.  Allerdings könne eine solche Diagnose, vor allem wenn sie plötzlich komme, Patienten auch verunsichern.

Der Beschluss der US-Fachgesellschaft wird von vielen europäischen Ärzten deshalb kritisch gesehen. Schließlich werden Grenzwerte relativ willkürlich festgelegt, Entscheidungsgrundlage sind Erfahrungen und Beobachtungsergebnisse. Dies gilt für Bluthochdruck genauso wie für Blutzucker und Cholesterin.

Andere Studien sind zudem zu anderen Ergebnisse als Sprint gekommen. Einige ergaben, dass ein drastisches Senken des Blutdrucks durch Medikamente sehr negative Folgen haben könne. Die Patienten litten zum Teil an Kreislauf- und Nierenproblemen. „Mit zunehmendem Alter verhärten die Gefäßwände“, erklärt Heribert Schunkert. „Wenn jemand also schon länger einen hohen Blutdruck hat und seine Adern entsprechend starr sind, empfiehlt es sich, den Blutdruck nicht zu stark  zu senken. Insbesondere wenn der untere, diastolische Wert zu niedrig ist, kann es sein, dass die Organe nicht mehr ausreichend versorgt werden.“

Zudem könnten die Medikamente Nebenwirkungen haben und langfristig in hohen Dosen die Nieren schädigen. Schunkert und Krämer sind sich einig, dass der individuelle Ausgangspunkt der Patienten beachtet und der Gesundheitszustand im Ganzen berücksichtigt werden muss. Regelmäßige Blutdruckmessungen seien wichtig. Und auch gesunde, junge Menschen sollten ihren Blutdruck kennen.

„Die Werte und Arztratschläge müssen unbedingt ernst genommen werden“, sagt Schunkert nachdrücklich. „Wer jetzt zum Beispiel einen oberen, systolischen Wert von 138 hat und nichts dagegen unternimmt, ist höchstwahrscheinlich in zwei Jahren bei 145 – also krank – und muss Medikamente nehmen.“

Neben der Bewegung ist die Ernährung entscheidend. Zum einen beeinflusst sie den Blutdruck direkt, etwa durch den Salzgehalt. Zum anderen indirekt, indem sie die Gefäßwände pflegt oder belastet. Wer möglichst lange Zeit elastische Adern haben möchte, sollte Schweinefleisch und Zucker meiden, kaliumreiche Lebensmittel wie Bananen und Nüsse dagegen vermehrt essen. Bernhard Krämer richtet einen Appell an alle Patienten: „Wer Medikamente nehmen muss, sollte dies unbedingt tun und zwar regelmäßig, wie verschrieben. Wenn die Präparate am Anfang müde machen oder Unwohlsein verursachen, kann der Arzt die Dosis anpassen. Aber auf keinen Fall darf die Therapie einfach abgebrochen werden, sonst riskiert man einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.“