So beeinflusst unser Zeitgefühl unsere Entscheidungen

Wissen : Die Vorfreude lässt unsere innere Uhr langsamer ticken

Psychologen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung untersuchen, wie das Zeitgefühl unsere Entscheidungen beeinflussen kann.

(np) Ist der Spatz in der Hand wirklich besser als die Taube auf dem Dach? Das ist eine Frage, die uns in vielen Varianten im täglichen Leben begegnet. Spare ich für die Weltreise nächstes Jahr oder gönne ich mir am Wochenende die Städte­reise? Werde ich heute lernen, damit ich bei der Prüfung am Monatsende gut abschneide, oder doch lieber am Abend ins Kino gehen und Spaß haben?

Wissenschaftler des Max-Planck- Instituts für Bildungsforschung haben untersucht, warum viele Menschen, die mit solchen Fragen konfrontiert sind, impulsiv und kurzsichtig reagieren – und sich wider besseres Wissens für die kurzfristige Belohnung entscheiden. Die Ursache liege in einer verzerrten Zeitwahrnehmung, erklärt das Institut nun. Die Zeitspanne bis zur Weltreise erscheine in der subjektiven Wahrnehmung vieler Menschen sehr viel länger als sie es tatsächlich ist. Der Wochenendtrip verspreche dagegen praktisch unmittelbar ein angenehmes Erlebnis.

Was dabei im Kopf eines Menschen vorgeht, hat Corinna Laube vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in zwei Versuchen mit 23 und 56 Teilnehmern untersucht. Die mussten ihre beliebtesten Freizeitaktivitäten nennen und deren finanziellen Wert schätzen. Sie konnten danach wählen: Das preisgünstigere Spaßprogramm gab es sofort, das teurere erst in zwei Wochen. Außerdem hätten sie den jeweiligen Gegenwert in Euro wählen können. Erstaunlich viele Teilnehmer der Tests hätten sich gegen das Abwarten, gegen das Geldgeschenk und für das sofortige Spaßprogramm entschieden.

Es sei die Vorfreude auf ein Ereignis, die unser Zeitgefühl verzerre, erklärt Corinna Laube. Die Wartezeit auf die Weltreise scheine vielen Menschen viel zu lang. Deshalb entschieden sich viele impulsiv für die kurzfristige Belohnung.

„Mit diesem Wissen könnten psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten für Menschen entwickelt werden, die zu impulsiven Entscheidungen neigen“, erklärt die Psychologin. Ein Mensch, der gelernt habe, Zeitspannen objektiv und realistisch einzuschätzen, sei dagegen geduldiger. Ihm falle es viel leichter, auf eine größere Belohnung auch einmal zu warten.

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