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Knochenschwund
Osteoporose wird zur Volkskrankheit

Heute sind 80 Prozent aller Osteoporose-Patienten Frauen, doch in den nächsten Jahren wird die Zahl der männlichen Patienten stark zunehmen.
Heute sind 80 Prozent aller Osteoporose-Patienten Frauen, doch in den nächsten Jahren wird die Zahl der männlichen Patienten stark zunehmen. FOTO: dpa / Swen Pförtner
Saarbrücken. Die Zahl der Patienten mit Knochenschwund steigt rapide. Das Saarland ist besonders stark betroffen. Von Peter Bylda
Peter Bylda

Schaut man sich die Daten des Statistischen Bundesamtes zur Lebenserwartung in Deutschland an, so fällt auf: Das Saarland sieht ziemlich alt aus. Saarländer sterben ein Jahr früher als der Durchschnittsdeutsche, Frauen haben sogar die absolut geringste Lebenserwartung. Und wenig spricht dafür, dass sich daran in den kommenden Jahren etwas ändern wird, denn das Saarland schneidet insgesamt in der Statistik der chronischen Krankheiten schlecht ab. Das gilt auch für die Osteoporose, die bei der Aufzählung der Volkskrankheiten gern vergessen wird. „Das ist ein Riesenfehler“, warnt die Saarbrücker Endokrinologin Dr. Bettina Stamm. Osteoporose bedeute für die Patienten nicht nur ungeheures Leid, sie verursache auch ungeheure Kosten fürs Gesundheitssystem. „Sie ist so teuer wie Diabetes.“


In Sachen Osteoporose ist das Saarland in einer denkbar schlechten Ausgangslage, zeigt eine Statistik des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), der zentralen Forschungsstelle der Bundesregierung zu Medizinthemen. Laut den RKI-Daten hat bereits heute jeder fünfte Saarländer im Rentenalter mürbe Knochen, bei den Frauen sind es sogar mehr als 30 Prozent. Nur in Thüringen ist die Frauen-Quote in dieser Altersgruppe noch höher.

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Der Bundesselbsthilfeverband Osteoporose beziffert die Zahl der Patienten auf bundesweit sechs Millionen, bis Mitte des nächsten Jahrzehnts werde sie um ein Viertel steigen. Weil schwache Knochen leichter brechen, geht der Verband bis zur Mitte des Jahrhunderts von einer Vervierfachung der Knochenbrüche aus. Sie seien schwierig zu behandeln und heilten schlecht, die Osteoporose werde die Krankenkassen eine zweistellige Milliardensumme pro Jahr kosten.

Wie konnte es so weit kommen? Bettina Stamm formuliert das ganz nüchtern in einem Satz: „Niemand kümmert sich um diese Krankheit.“ Bei der Osteoporose verstärkten sich in Deutschland alle nur denkbaren Negativfaktoren. Viele Patienten ignorierten ihr Risiko, die Medizinerausbildung setze bei diesem Thema keinen Schwerpunkt und das Vergütungssystem der Krankenkassen sei, was Vorbeugung und Diagnostik betrifft, vorsichtig formuliert „höchst unattraktiv“. Die Folgen seien fatal: „Die Versorgung der deutschen Patienten ist im EU-Vergleich denkbar schlecht.“

Bettina Stamm 
Foto: H. Stamm
Bettina Stamm Foto: H. Stamm FOTO: Herbert Stamm

Knochenschwund trifft keinen Menschen über Nacht. Er entwickelt sich über viele Jahre hinweg. „Im Wesentlichen gibt es drei Punkte, auf die jeder von uns achten kann“, sagt Bettina Stamm. Wer nicht raucht, ausreichend Sport treibt und auf eine calciumreiche Ernährung achtet, vermindert sein Osteoporose-Risiko. Nicht beeinflussen können wir unser Alter. Es erhöht das Risiko des Knochenschwunds ebenso wie Faktoren im Erbgut, Krankheiten und Medikamente – und bei Frauen der frühe Beginn der Wechseljahre. Doch Vorsicht: „Osteoporose ist längst kein reines Frauen-Thema mehr“, warnt die Ärztin. „Sie erwischt auch Männer – nur zehn Jahre später.“ Nach Angaben des Bundesselbsthilfeverbandes Osteoporose sind derzeit ein Fünftel der Patienten männlich.

Zur Behandlung der Osteoporose gebe es sehr wirksame Medikamente, berichtete die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie in diesem Frühjahr – doch die würden zu selten eingesetzt. Warum? Es hapere bei der Diagnose, es gebe zu wenig Experten, die sich mit der Materie befassten, sagt Bettina Stamm. „Und wenn ein geschwächter Knochen bricht, wird im Krankenhaus dann oft nur der Knochenbruch behandelt.“ Weil das aber an der Ursache des Problems nichts ändere, drohe statistisch ein Jahr später der nächste Knochen oder Wirbel zu brechen. Doch selbst Patienten mit mehreren Knochenbrüchen bekämen häufig keine Medikamente, die den weiteren Knochenabbau stoppen können.

Mit mehr spezialisierten Medizinern und einer verbesserten Diagnose allein sei das Problem wiederum aber auch nicht zu lösen – die Osteoporose sei eben ein kompliziertes Problem mit sehr vielen Facetten. „Eine große Zahl von Patienten“, erläutert Bettina Stamm, „hält ihre Therapie nicht durch.“ Nach zwei Jahren verzichteten 60 bis 80 Prozent der Betroffenen auf ihre Tabletten. „Angst vor Nebenwirkungen“, nennt die Saarbrücker Ärztin als häufige Begründung. Bei einer Gruppe der Medikamente, den Bisphosphonaten, die statistisch jeden zweiten Knochenbruch verhindern könnten, können hohe Dosierungen, wie sie in der Krebsmedizin bei der Behandlung von Knochenmetastasen genutzt werden, bei ungefähr einem von 50 Patienten eine Kiefernekrose auslösen. Das ist ein gefährlicher, krankhafter Abbau des Kieferknochens. „Osteoporose-Patienten werden aber nicht mit hohen Dosen dieser Mittel behandelt“, wendet Bettina Stamm ein. Hier träten Kiefernekrosen nur bei einem von tausend Patienten auf. Es gebe zwar auch andere Wirkstoffe aus der Gruppe der Antikörper, doch auch hier blieben viele Patienten nicht bei der Stange.

Die Saarbrücker Ärztin rät händeringend, bei der Diskussion über mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments seine tatsächlichen Wirkungen nicht aus dem Auge zu verlieren. Und da sei nun einmal unbestritten, dass Mittel, die Osteoporose bekämpften, unermessliches Leid verhindern könnten. Wirbelbrüche durch Osteoporose seien extrem schmerzhaft, die Patienten berichteten von Beeinträchtigungen der Lebensqualität, „die vergleichbar ist mit einem Schlaganfall oder dem Verlust des Augenlichts.“ Und auf einen Wirbelbruch durch Osteoporose folge häufig binnen eines Jahres der nächste. Die unter Medizinern am meisten gefürchtete Folge des Knochenabbaus ist aber der Oberschenkelhalsbruch. Er kann für einen alten Menschen direkt oder indirekt den Tod bedeuten. Ein Viertel aller 85-Jährigen erhole sich nicht von diesem Schock und sterbe binnen eines Jahres, erklärt die Gesellschaft für Unfallchirurgie. Und von den Patienten, die sich wieder aufrafften, werde bald darauf ein großer Teil zum Pflegefall.

Was tun gegen die Osteoporose? Mit dieser Frage setzt sich das Interdisziplinäre Osteologische Kompetenznetz (IOKN) Saar auseinander, dessen Vorsitzende Bettina Stamm ist. Auf den Internetseiten dieses Vereins gibt es unter anderem einen Fragebogen zum persönlichen Osteoporose-Risiko. Die Rubrik „Für Patienten“ erklärt, wie der Knochenabbau verhindert werden kann, welchen Einfluss die Ernährung auf die Knochengesundheit hat und welche Selbsthilfegruppen und Ärzte sich mit dem Thema befassen. Warum Bettina Stamm sich diesem Thema verschrieben hat? „Es hat einfach keine Lobby. Und das wollen wir jetzt endlich ändern.“