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Resistente Bakterien werden immer gefährlicher
Globale Gefahr durch Superkeime

Dieses eingefärbte Bild eines Elektronenmikroskops zeigt Bakterien der  Art Legionella pneumophila etwa 8000-fach vergrößert.
Dieses eingefärbte Bild eines Elektronenmikroskops zeigt Bakterien der  Art Legionella pneumophila etwa 8000-fach vergrößert. FOTO: dpa / Photographer: Janice Haney Carr
Leipzig/Saarbrücken . Preisdruck und Profitstreben haben dazu geführt, dass immer mehr Bakterien gegen Antibiotika immun werden. Experten fordern deshalb mehr gesellschaftliche Verantwortung und stärkeren politischen Druck. Von Maren Peters

Antibiotika­resistente Bakterien, sogenannte Superkeime, breiten sich weltweit aus, Standard-Antibiotika wirken nicht mehr. Und auch Reservepräparate schlagen immer öfter nicht an. Nach Expertenmeinung könnte die Welt bald in eine Ära ohne Antibiotikaschutz zurückfallen, wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird. Dann könnten Infektionen wieder lebensbedrohlich werden, es drohe der Tod durch Bagatell-Krankheiten. Woher kommen die resistenten Bakterien und gibt es etwas, das sie wieder zurückdrängen kann?


„Vor 15 Jahren gab es solche Erreger in Deutschland so gut wie gar nicht“, sagt Professor Christoph Lübbert, Infektionsmediziner und Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am Uniklinikum Leipzig. „Antibiotika wurden und werden zu häufig und oft ohne hinreichende Indikation eingesetzt. In vielen Ländern gibt es keine funktionierende Kontrolle, nicht einmal eine Verschreibungspflicht. Zudem erhalten Menschen und Tiere die gleichen oder sehr ähnliche Präparate.“ Wenn die üblichen Mittel nicht wirken, werden Reserve-Antibiotika eingesetzt. Mit der Folge, dass es auch hier immer mehr Resistenzen gibt.

Dass Mikroorganismen Resistenzen entwickeln, ist ein natürlicher Vorgang. Die meisten Antibiotika werden aus Substanzen gewonnen, die in der Natur vorkommen. Daher gab, gibt und wird es immer Bakterien geben, die widerstandsfähig dagegen sind. Unser Verhalten beschleunigt allerdings diese Entwicklung. 1941 wurde das erste Antibiotikum, das Penicillin, entdeckt. „Ohne diesen Wirkstoff und seine Abkömmlinge wäre vieles in der modernen Medizin nicht möglich. Wir können nur dank Antibiotika erfolgreich Organe transplantieren, Gelenke ersetzen, schwere Verletzungen und Infekte heilen“, sagt Lübbert. „Zuerst wurde das Penicillin wie Gold behandelt und nur in Ausnahmefällen eingesetzt. Aber allzu schnell kam es fast inflationär zum Einsatz. Heute gibt es viele Antibiotika, aber diese dienen eben nicht nur medizinischen Zwecken, sondern auch zur Massenbehandlung in der Fleischindustrie – ein großer Fehler.“



Neben dem allzu häufigen Einsatz der Wirkstoffe tragen auch Fernreisen zur Verbreitung der Resistenzen bei. Mehrere Studien wiesen bei bis zu 90 Prozent der Indien-Touristen nach ihrer Rückkehr solche multiresistenten Erreger im Darm nach. Einen gesunden Menschen beeinträchtigt das nicht. Bedrohlich werden die Erreger aber, wenn sie auf ein geschwächtes Immunsystem stoßen. Verheerend wird es, wenn derartige Supererreger an Orten eingeschleppt werden, an denen es abwehrschwache Menschen gibt – etwa in Krankenhäusern.

Durch Medizintourismus, internationale Reisen und globalen Handel, aber auch durch Zugvögel verbreiten sich resistente Erreger rasant. Bakterien vermehren sich sehr schnell, ihre Generationsdauer beträgt manchmal nur 20 Minuten. So können aus einem einzigen Bakterium innerhalb eines halben Tages eine Milliarde werden. Hinzu kommt: Bakterien vererben Resistenzen nicht nur, sie können genetische Informationen auch austauschen. Dadurch ist die Zahl der resistenten Mikroben in den letzten Jahren so sprunghaft angestiegen.

„Schuld an der alarmierenden Situation ist auch unser System“, meint der Pharmazie-Professor Rolf Müller, Direktor des Helmholtz-Instituts für Pharmazeutische Forschung Saarland (HIPS). „Bei Antibiotika zeigt sich ein klassisches Marktversagen. Alles muss möglichst billig sein. Produkte wie Antibiotika sind jedoch zu bedeutungsvoll für unsere medizinische Versorgung, unser Überleben, um sie zu verramschen. Der Kostendruck ist so hoch, dass die Pharmaindustrie an Antibiotika kaum etwas verdient.“ Doch ohne absehbaren Gewinn haben Pharmaunternehmen kein Interesse, neue Produkte zu entwickeln. Die Forschung wird schlimmstenfalls eingestellt. Im Falle von Antibiotika wäre das fatal. Um die Errungenschaften der Medizin zu sichern, benötigen Ärzte permanent neue Wirkstoffe. Denn: „Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann eine Resistenz gegen ein Antibiotikum auftritt und wie schnell sie sich verbreitet. Es ist ein permanenter Wettlauf der Forschung gegen die Natur. Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir wahrscheinlich schon in 20 Jahren keine wirksamen Antibiotika mehr“, warnt Müller.

Der Kostendruck führt dazu, dass die Produktion in Billiglohn-, Entwicklungs- und Schwellenländer verlegt wird. Die Grundstoffe für generische Antibiotika werden mehrheitlich in China, Präparate daraus in Indien hergestellt. Hyderabad im südlichen Zentralindien gilt als Welthauptstadt der Pharma-Produktion. „In Ländern wie China und Indien ist eine umfassende Kontrolle der Herstellungsbedingungen kaum möglich“, erläutert Christoph Lübbert. „Was geprüft wird, sind die Produktionsstraßen, also die Qualität der Arzneistoffe, die Hygiene, der standarisierte Herstellungsablauf und Ähnliches. In gewissem Rahmen auch die sozialen Bedingungen der Arbeiter. Die Umweltbedingungen, sprich die Abwasserentsorgung, bleiben bislang aber weitestgehend unkontrolliert. Das ist aus unserer heutigen Sicht unverantwortlich und verheerend.“ Es ist demnach kein Zufall, dass so auffallend viele Indien-Rückkehrer multiresistente Bakterien zurückbringen. Aus Flüssen wird Trinkwasser gewonnen, damit werden Felder gewässert und Tiere getränkt. In diesem Wasser vernichten Antibiotika normale Bakterien, nur resistente überleben und können sich explosionsartig vermehren. „Dort züchten wir quasi Super­erreger. Denn immer noch haben 60 Prozent der Inder keine Toilette, entsorgen ihre Fäkalien direkt in der Umgebung. Und ausgerechnet dort lassen wir weitgehend unkontrolliert unsere Antibiotika herstellen – ein Cocktail, der einer Zeitbombe gleichkommt“, meint Lübbert.

Die westliche Welt sei bei Antibiotika von China und Indien abhängig. „Eine solche Situation dürfte bei so essentiellen Medikamenten wie Antibiotika nicht sein. Der Wert von Antibiotika wird allgemein nicht hinreichend erkannt. Die Gesundheit unserer Gesellschaft muss unabhängig von wirtschaftlichen Interessen sichergestellt werden“, betont Rolf Müller. Daher fordern Müller und Lübbert ein Umdenken und von der Politik, Verantwortung zu übernehmen. „Forschungs- und zum Teil auch Produktionskosten von Präparaten wie Antibiotika sollten von der Gesellschaft getragen werden, der sie nutzen und deren Fortbestehen sie sichern – also durch Steuergelder“, bekräftigen die Forscher. Außerdem müsste es globale Strategien, Standards und Kontrollen zum Einsatz von Antibiotika geben, und es dürften keine medizinischen Wirkstoffe mehr missbraucht werden. Wenn Antibiotika zurückhaltend und punktuell eingesetzt und schnell neue Wirkstoffe entwickelt werden, dann bestehe die Hoffnung, dass sich die Situation wieder entspanne, meint Christoph Lübbert.