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| 20:30 Uhr

Wissen
Ein Campus voller Stolpersteine

Der Psychologiestudent Nils Becker ist an der Universität auf den Rollstuhl angewiesen. Der Bodenbelag auf dem Saarbrücker Campus macht ihm dabei gerade bei schlechtem Wetter oft Probleme. Denn komplett barrierefrei ist die Uni noch immer nicht. Die verantwortlichen Stellen geloben aber Besserung.
Der Psychologiestudent Nils Becker ist an der Universität auf den Rollstuhl angewiesen. Der Bodenbelag auf dem Saarbrücker Campus macht ihm dabei gerade bei schlechtem Wetter oft Probleme. Denn komplett barrierefrei ist die Uni noch immer nicht. Die verantwortlichen Stellen geloben aber Besserung. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Für Studenten mit einer Behinderung ist der Weg zum Hörsaal in Saarbrücken mit zahlreichen Hürden gespickt. Von Sarah Jann

Es ist ein verregneter Vormittag auf dem Saarbrücker Campus der Saar-Universität. Nils Becker, Psychologiestudent im ersten Semester, will vom Campuscenter zum Audimax. Dafür benötigt er zehn Minuten, die meisten seiner Kommilitonen schaffen die Strecke in zwei. Was Nils Becker von ihnen unterscheidet, ist die muskuläre Erbkrankheit „Muskeldystrophie Duchenne“. Seit seinem zehnten Lebensjahr sitzt er im Rollstuhl. Arme und Hände kann der 20-Jährige nur wenig bewegen, seine Beine sind gelähmt. Von einem Fahrdienst wird Becker morgens zur Uni gebracht und abends wieder abgeholt. Im Uni-Alltag unterstützt ihn der Integrationshelfer Karsten Christmann. Vom Auspacken der Unterrichtsmaterialien während Vorlesungen über das Umblättern von Buchseiten bis hin zur Hilfe bei Toilettengängen, Becker kann sich auf Christmann verlassen – seit sieben Jahren.

Geschützt von einer Regenjacke, die ihn und seinen Elektro-Rollstuhl ummantelt, macht sich Nils Becker auf den Weg zum Audimax. Weil parkende Autos den Bürgersteig blockieren, führt sein Weg auch über die schmale Straße. Langsam manövriert er sich an fahrenden Autos vorbei zur Rampe, die zum Audimax führt. Doch die wird er heute nicht benutzen können.

Die Rampe ist derart uneben, dass sich tiefe Wasserpfützen gebildet haben. „Wenn ich durch so tiefe Pfützen fahre, kann es passieren, dass mir die Elektronik an meinem Rollstuhl kaputtgeht“, erklärt Becker. Nun bliebe ihm noch die Möglichkeit durch den Wald zu fahren und den Hintereingang des Gebäudes zu nutzen, erklärt er, aber der Waldweg ist so matschig, dass es wohl heute mit dem Audimax einfach nicht klappen wird.

Nils Becker ist nicht allein. Rund elf Prozent der Studenten an staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland leiden an einer Beeinträchtigung, die ihnen ihr Studium erschwert. Das ergab die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks im Sommersemester 2016. „Barrierefreiheit bedeutet mehr als der schlichte Zugang zu Gebäuden“, erklärt Michelle Froese-Kuhn von der Kontaktstelle Studium und Behinderung (KSB) der Saar-Universität. Dazu gehöre neben technischer Unterstützung auch der Beistand durch Dozenten und Serviceangebote von Uni und Studentenwerk, erklärt Sybille Jung, Leiterin des Gleichstellungsbüros.

Studierende mit Beeinträchtigung haben nach Hochschulrahmengesetz einen Anspruch auf einen sogenannten Nachteilsausgleich. Er soll es Studenten mit Beeinträchtigungen ermöglichen, unter denselben Bedingungen zu studieren wie ihre nicht-beeinträchtigten Kommilitonen. Neben Modifikationen der Prüfungsform oder der Anwesenheitspflicht können auch Fristverlängerungen für Prüfungen, Haus- und Abschlussarbeiten genehmigt werden. Laut Sybille Jung sei es grundsätzlich wichtig, diesen Ausgleich individuell auf die Bedürfnisse eines Menschen mit Behinderung anzupassen.

Wie die meisten seiner Kommilitonen isst Nils Becker in der Mensa. Ein spezieller Löffel ermöglicht ihm, Speisen wie Nudeln oder Reis selbständig zu essen. Mit der Mensa-App kann er einplanen, welches Besteck er wann mitbringen muss, um ohne Hilfe essen zu können. Falls das mal nicht klappt, ist Integrationshelfer Christmann zur Stelle.

Grundsätzlich ist Nils Becker mit der Situation an der Universität des Saarlandes zufrieden: „Die Dozenten sind hilfsbereit, die Toiletten sind sehr modern und auch die KSB hat mir sehr geholfen“, erzählt er. Erst als er in der Bibliothek in der Nähe eines Notausgangs sitzt, wird ihm seine Situation wieder bewusst: „Wenn es jetzt brennen würde, müsste ich als Rollifahrer wohl dran glauben“, sagt er spöttisch und zeigt auf eine kleine Treppenstufe direkt vor dem Notausgang.

Es seien die kleinen Dinge, die ihm manchmal das Leben zusätzlich schwer machten: Bordsteine, Regenrinnen, Treppen und Notausgänge. „Ich muss mir ständig Gebäudegrundrisse anschauen und meine Wege planen. Diese Gedanken müsste ich mir nicht machen, wenn die Uni komplett barrierefrei wäre.“

Wirklich barrierefrei sei der Campus trotz aller Mühe an einigen Stellen noch nicht, stimmt Michelle Froese-Kuhn zu, man sei aber in den vergangenen Jahren auf einem guten Weg. Laut Sybille Jung liegt das oft nicht an der Organisation oder den Finanzen. Manchmal seien es einfach bürokratische Gründe: „Es ist sehr schwierig, an ein denkmalgeschütztes Gebäude einen Aufzug zu bauen; bei anderen alten Gebäuden lässt es teilweise die Bausubstanz nicht zu, dass ein Aufzug oder Ähnliches gebaut wird.“ Man versuche aber jeden Tag aufs Neue, individuelle Lösungen für individuelle Probleme zu finden, beteuert Froese-Kuhn.