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Disput um Vitamin-D-Tabletten

Das Sonnenvitamin : Vitamin D: Ein Streitfall in der Medizin

Viele Deutsche haben zu wenig Vitamin D im Blut. Doch ob dem mit Tabletten abgeholfen werden soll, ist umstritten.

Jeder zweite Deutsche im Rentenalter hat zu wenig Vitamin D im Blut, erklärte das Münchner Helmholtz-Zentrum vor fünf Jahren nach der Auswertung der Augsburger Bevölkerungsstudie Kora. Sie läuft seit über 30 Jahren. Weil das Sonnenvitamin, das seinen Namen dem Umstand verdankt, dass es unter Einfluss von UV-Licht in der Haut gebildet wird, auch für das Immunsystem wichtig ist, diskutieren Mediziner nun zunehmend über die Frage, ob es Sinn hat, diesem Vitamin-Mangel mit Tabletten abzuhelfen.

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg haben nun untersucht, welchen Effekt eine Verbesserung der Vitamin-D-Versorgung in Deutschland bei älteren Menschen hätte. „In einigen Ländern werden sogar Nahrungsmittel seit vielen Jahren mit Vitamin D angereichert – etwa in Finnland, wo die Sterberaten an Krebs um rund 20 Prozent niedriger sind als in Deutschland“, sagt Professor Hermann Brenner vom DKFZ. Einen ähnlichen Effekt erwartet das DKFZ auch in Deutschland. Drei  große klinische Studien zeigten, dass sich mit Vitaminpräparaten die Krebssterblichkeit um 13 Prozent vermindern lasse. Nicht beantworten können die Forscher allerdings die Frage, was die Ursache dieses Effekts ist.

Bisher versuche die Medizin mit hohem Aufwand, das Leben von Krebspatienten zu retten.  Das gelinge immer besser, sei aber teuer. Viel besser und auch billiger wäre es dagegen, wenn Tumorleiden verhindert werden könnten, erklären die Heidelberger Wissenschaftler. Würde jeder Deutsche ab seinem 50. Geburtstag – das sind rund 36 Millionen Menschen – eine tägliche Dosis von 1000 internationalen Einheiten Vitamin D erhalten, würde das 900 Millionen Euro im Jahr kosten, haben sie errechnet. Falls auf diese Weise die Zahl der Krebs-Todesfälle um 13 Prozent gesenkt werden könnte, würden in Deutschland 30 000 Menschen weniger im Jahr sterben. Das würde nicht nur menschliches Leid ersparen, sondern auch Behandlungskosten von 1,15 Milliarden Euro vermeiden, haben die Heidelberger Epidemiologen errechnet. Eine Überdosierung sei bei  dieser Empfehlung nicht zu befürchten, sagt Hermann Brenner.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) vertritt eine differenziertere Ansicht. Sie weist darauf hin, dass ein Zuviel des Vitamins schädlich sein kann und dass die Erkenntnisse wissenschaftlicher Studien bisher keine eindeutigen Schlüsse auf seine Wirkung zulassen, so ihr Sprecher Professor Matthias Weber. Deshalb empfiehlt die DGE nur für Risikogruppen die Einnahme von 400 bis 1000 internationalen Einheiten Vitamin D pro Tag. Zu den Risikogruppen zählt sie Menschen in Pflegeeinrichtungen, chronisch Kranke und Ältere, die sich nur selten im Freien aufhalten.

Vitamin D ist ein Hormon, das an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt ist. Unter anderem ist es unverzichtbar für gesunde Knochen. Es gibt auch Hinweise, dass es Lungenkrankheiten, Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und einigen Krebsarten vorbeugen kann. Dass wissenschaftliche Studien bislang kein eindeutiges Bild zu seinen Wirkungen ermöglicht haben, könne auch damit zu tun haben, dass sich die Art und Weise, wie das Hormon im Stoffwechsel verarbeitet werde, von Mensch zu Mensch sehr unterscheiden könne, sagt Weber.

Die Diskussion unter Medizinern über das Vitamin haben in jüngster Vergangenheit Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie noch einmal verstärkt. Dabei spielt vor allem eine Rolle, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel bei Patienten mit schwereren Verläufen von Covid-19 deutlich häufiger vorkommen. Den Umkehrschluss, dass Vitamin-D-Tabletten einen schweren Verlauf der Infektion verhindern können, erlaube diese Erkenntnis aber nicht. Die Studien „zeigen lediglich, dass zwei Ereignisse zusammen auftreten, aber nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist“, sagt Weber.

In einem Punkt sind sich alle Mediziner aber einig. Es gibt eine einfache Möglichkeit, um den Vitamin-D-Spiegel auch ohne Tabletten zu erhöhen: Regelmäßige Aktivitäten an der frischen Luft. Das DKFZ rät pro Woche zu zwei bis drei Ausflügen von mindestens zwölf Minuten Dauer. Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen müssten in dieser Zeit direktem Sonnenlicht ausgesetzt sein.