Der Kaugummi wird 150 Jahre alt

Wissen : Eine klebrige Erfindung feiert Geburtstag

Vor 150 Jahren ließ sich ein US-Tüftler den Kaugummi patentieren – doch den Publikumsgeschmack traf er damit nicht.

Arnos Tyler aus Toledo in Ohio, USA, war so sehr von seiner Erfindung auf Basis von Rosen- und Olivenöl überzeugt, dass er sich seine Innovation am 27. Juli des Jahres 1869 patentieren ließ. Weil er den Geschmack seiner Zeitgenossen mit seinem Kaugummi nicht traf, ist Tylers Rezept inzwischen in Vergessenheit geraten. Sein Landsmann Thomas Adams hatte dagegen mit seiner Mischung mehr Glück, deshalb gilt er heute als Vater das Kaugummis und eben nicht Arnos Tyler.

Dabei hatte Adams ursprünglich keinen Kauartikel herstellen wollen, sondern vielmehr einen Ersatzstoff für Kautschuk gesucht, wie er damals in Gummireifen, aber auch in Stiefeln oder Kinderspielzeug verwendet wurde. Die Ausgangsbasis seiner Experimente war der milchige Saft des Breiapfelbaumes (Manilkara zapota), der in Mittelamerika heimisch ist. Kennengelernt hatte er diese Chicle genannte Flüssigkeit im Jahr 1857 durch die Vermittlung des ehemaligen mexikanischen Staatschefs Antonio López de Santa Anna, der sich zu dieser Zeit im US-amerikanischen Exil auf Staten Island in New York aufhielt. 

Adams Versuche einen Ersatz für Kautschuk zu finden, blieben erfolglos. Als er aber erfuhr, dass es in Mittelamerika üblich war, verfestigte Stücke dieses gummiartigen Chicle auch zu kauen, war damit seine neue Geschäftsidee geboren. Im Jahr 1871 kamen die ersten zu Kugeln gerollten Chicle-Stücke als „Adams New York Gum No. 1“ auf den Markt.

Erst später verkaufte er seine Kaugummis auch in Form verschiedener Geschmacksrichtungen. 1884 brachte Adams sein erstes Kaugummi in Streifenform heraus, das Lakritzkaugummi „Black Jack“, das es mit Unterbrechungen bis heute gibt. 1888 folgte „Tutti Frutti“, das als erstes Kaugummi überhaupt in einem Automaten verkauft wurde.

Im Gegensatz zu Tylers Kaugummis waren Adams Kauartikel überaus erfolgreich und kamen sehr gut an. Doch sie mussten sich den Markt mit mehreren Konkurrenzprodukten teilen. Zum einen gab es zu dieser Zeit noch Kaugummis auf Basis von gezuckertem Paraffin, die aber Ende des 19. Jahrhunderts langsam vom Markt verschwanden. Zum anderen gab es Kaugummis auf Basis von Fichtenharz, auf die zum Beispiel der Unternehmer John B. Curtis setzte. „The State of Maine Pure Spruce Gum“ waren zu ihrer Zeit sehr beliebt.

Während die Mayas schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung auf Chicle herumkauten, verwendeten unsere europäischen Vorfahren vor allem Fichtenharz als Kaugummi. Noch heute kennt so mancher Waldarbeiter dieses Kaupech genannte Baumharz. Dabei handelt es sich um Harz, das aus dem Baumstamm ausgetreten ist und nach einiger Zeit so fest geworden ist, dass es eine als Kaugummi geeignete Konsistenz aufweist.

Archäologen haben in Westschweden fast 10 000 Jahre altes Birkenpech gefunden, das Abdrücke menschlicher Zähne aufweist. Natalija Kashuba von der Universität Oslo und ihr Team wiesen im Jahr 2019 sogar noch menschliche DNA an den Kauspuren nach. Allerdings war das Birkenpech der Steinzeit wohl weniger Genussartikel als vielmehr ein universeller Kleber, unter anderem für Jagdwaffen, bei denen Steinspitzen und Holzschäfte mit seiner Hilfe verbunden wurden.

Im Gegensatz zum Kau- oder Birkenpech sowie Chicle besteht das heutige Kaugummi in der Regel vor allem aus künstlichen Polymeren auf Erdölbasis, also aus Kunststoffen, denen unter anderem Aromen, Farbstoffe, Emulgatoren und Weichmacher hinzugefügt werden, vor allem aber jede Menge Zucker oder Zuckerersatzstoffe.

Neben den teilweise exotischen Geschmacksvarianten, wie etwa Zimt, Ingwer, salziges Lakritz, Cola oder auch Wassermelone, ist es vor allem die Fähigkeit, möglichst große Blasen erzeugen zu können, die das heutige Kaugummi so beliebt macht. Den Grundstein dazu legte 1906 schon der Erfinder Frank Fleer mit seinem „Blibber Blubber“ benannten Kaugummi, dessen Rezeptur im Jahr 1928 von Walter Diemer noch entscheidend zum „Dubble Bubble“ verbessert wurde. Derartiges Bubblegum war es auch, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Botschafter des American Way of Life über die ganze Welt verbreitete. Kaugummi war eben immer schon mehr als nur ein reiner Kauartikel.

Mehr von Saarbrücker Zeitung