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Der Eisbreche "Polarstern" sucht in der Arktis nach Auswirkungen des Klimawandels

Forschung : Ein Jahr Einzelhaft im eisigen Gefängnis

Das Forschungsschiff Polarstern soll ein Jahr lang eingeschlossen im Packeis durch die Arktis treiben.

Markus Rex war schon oft in der Arktis, so oft, dass er die genaue Zahl der Reisen nicht nennen kann. Doch die Expedition, die den Klimaforscher im September zum Nordpol führen wird, ist einzigartig. Das internationale Forscherteam will die Polarstern, ein Schiff des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI), im Eis einfrieren lassen. Ein Jahr soll das Forschungsschiff mit dem Eis treiben – ein Mammut-Projekt. „Ich habe schon viele Expeditionen mitgemacht, aber diese ist unvergleichlich“, sagt Rex, der die Fahrt leitet.

Die Polarstern soll vom Eis eingeschlossen ohne eigenen Antrieb über die Polkappe driften – nach dem Vorbild der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff Fram vor rund 125 Jahren. Ziel des 120-Millionen-Euro-Projekts Mosaic ist es, den Klimawandel genauer zu untersuchen. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen, sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von allen Erdregionen am stärksten erwärmt. Im Unterschied zur Fram wird die Polarstern allerdings nicht auf sich allein gestellt sein. Sie wird auf den ersten und letzten Abschnitten von anderen Eisbrechern versorgt. „Wir brauchen frische Lebensmittel und Treibstoffnachschub“, sagt Expeditionsleiter Rex. Die Schiffsschraube wird sich zwar die meiste Zeit nicht drehen, der Schiffsmotor muss aber in Betrieb bleiben, um die Polarstern mit Wärme und elektrischer Energie zu versorgen.

Zunächst fährt das Schiff von Norwegen aus entlang der sibirischen Küste und dann polwärts ins Eis hinein. Dort hat das Team zwei Wochen Zeit, auf dem Eis ein Camp aufzubauen. Bei mehreren Gelegenheiten sollen die Zusammensetzung des Meerwassers, des Eises und der Atmosphäre gemessen werden. Während der Aufbauphase gibt es tagsüber gerade noch vier Stunden Dämmerlicht. „Das wird richtig hektisch. Ab der zweiten Oktoberhälfte wird es zappenduster“, sagt Rex.

Die Polarnacht ist nur eine von vielen Herausforderungen, die es im Vorfeld zu bedenken gibt. Seit Monaten laufen beim AWI die Vorbereitungen auf Hochtouren. Notfallpläne müssen erstellt werden, zum Beispiel für den Fall, dass das Packeis an einer Stelle auseinanderbricht, wo die Wissenschaftler stehen. „Dann gilt es, erst die Menschen in Sicherheit zu bringen, danach die Ausrüstung“, sagt AWI-Ingenieurin Bjela König.

Gefährlich könnten auch Eisbären werden. Damit die Forscher sicher auf dem Eis arbeiten können, werden bewaffnete Wachen eingesetzt. „Wir müssen genau klären, wie viele Teams gleichzeitig geschützt werden können“, so König. Erschwert werde die Arbeit der Wachen von der Dunkelheit und vom nicht seltenen, dichten Nebel in der Arktis. Der Physiker Marcel Nicolaus ist derweil dabei, den Aufbau der Stationen auf dem Eis zu koordinieren. „Die Anzahl sprengt jede bisher bekannte Dimension“, sagt der AWI-Forscher.

Ende 2019 will Rex zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Mannschaftsmitgliedern mit dem Begleitschiff Admiral Makarow wieder nach Norwegen fahren, andere Forscher kommen dann neu an Bord. Alle Expeditionsteilnehmer bleiben nur zwei bis drei Monate am Stück. Auf weiteren Fahrtabschnitten im Jahr 2020 wird Rex wieder auf der Polarstern sein.

In der Zeit dazwischen soll auf dem dann dicken Packeis mit Pistenraupen eine Flugzeuglandebahn präpariert werden. Im April 2020 soll das erste Versorgungsflugzeug landen können, wenn es für Eisbrecher kein Durchkommen mehr durchs Packeis geben wird.

Sollte es den Beteiligten nicht gelingen, eine stabile Landebahn zu präparieren, werden Langstrecken-Hubschrauber eingesetzt. Ein Camp samt Landepiste anzulegen, ist möglich, weil das Eis zusammen mit der Polarstern Richtung Süden driftet. „Unsere Umgebung reist mit uns mit“, erklärt Expeditionsleiter Markus Rex. Solange, bis im Juni 2020 wieder die Schmelzperiode beginnt. Dann wird die 118 Meter lange Polarstern zwischen Grönland und Spitzbergen wieder „ausgespuckt“ – und die Auswertung der vielen gewonnen Daten kann beginnen.

(dpa)