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Darum ist Fett in im Essen so gefährlich

Kostenpflichtiger Inhalt: Neue Studie an der Saar-Uni : Warum fettes Essen unser Leben verkürzt

Wer fett isst, stirbt früher. Warum das so ist, erforscht Dr. Timo Speer an der Uni-Klinik Homburg. Blutfette spielen eine Schlüsselrolle – vor allem die bisher weniger beachteten Triglyceride.

Wenn von einer Entzündung die Rede ist, denken wir an Viren und Bakterien, vielleicht auch noch an Pilzinfektionen oder Parasiten. Das ist verständlich, denn mit Husten, Halsschmerzen oder einer infizierten Schnittwunde hat jeder schon einmal zu tun gehabt. Diese Entzündungen sind sofort zu spüren, sie sind schmerzhaft, und wir fühlen uns krank. Aus Sicht der Medizin ist das aber viel zu kurz gedacht. Mediziner verstehen den Begriff viel weiter gefasst. „Eine Entzündung“, sagt Dr. Dr. Timo Speer, „bedeutet aus medizinischer Sicht ganz allgemein die Aktivierung des Immunsystems.“ Der Nephrologe forscht an der Homburger Uniklinik.

Dafür kann es im Prinzip zwei Ursachen geben – eine äußere und eine innere. Auslöser können Bakterien sein, die zum Beispiel über die Schleimhäute eindringen und dann zu einer Erkältung führen oder eine Infektion durch das Grippevirus. Und dann gibt es die mit dem leicht irritierenden Fachausdruck „Sterile Entzündungen“ bezeichneten Prozesse, hinter denen ein Fehler des Immunsystems steckt, ein falscher Alarm. „Das“, sagt der Nierenspezialist Timo Speer, „ist derzeit eines der größten Forschungsgebiete der Medizin.“ Denn diese Entzündungen spielen nach dem neuesten Stand des Wissens eine zentrale Rolle bei Arteriosklerose, Herzinfarkt, Diabetes, Autoimmunerkrankungen und Nierenleiden. Eine Ursache können hohe Konzentrationen von Blutfetten sein. Und dabei spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle.

Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft berichtet von einer medizinischen Studie zum Schlaganfall. Die habe ergeben, dass Patienten, deren LDL-Cholesterinwert mit Medikamenten (Statine) auf Werte unter 70 mg/dl (Milligramm pro Deziliter Blut) gesenkt wurde, besser vor einem neuerlichen Anfall geschützt sind als Patienten, die diese Cholesterinsenker nicht erhalten.

Beim Thema Cholesterin ist im Augenblick in der medizinischen Diskussion allerdings viel in Bewegung, ergänzt Timo Speer. Die simple Unterteilung in „böses“ LDL- und „gutes“ HDL-Cholesterin sei zum Beispiel nicht mehr zu halten. Als „eine Suppe unterschiedlicher Lipoproteine“ beschreibt Speer die Blutfette. Die Abkürzung LDL steht dabei für Lipoproteine niedriger Dichte, HDL steht für Lipoproteine hoher Dichte. Diese Bezeichnungen zeigen schon, dass hier viele unterschiedliche Komponenten unter einem Begriff zusammengefasst sind – sowohl schützende als auch schädigende. Allein die HDL-Fraktion umfasse über hundert Eiweiße.

Die pauschale Aussage, ein hoher HDL-Wert im Blut sei positiv, sei nicht mehr zu halten, sagt Timo Speer. Es komme immer auf die individuelle Zusammensetzung der Lipoproteine an, habe eine Studie der Unikliniken Homburg und Aachen ergeben. Die Mediziner im Saarland und in Nordrhein-Westfalen untersuchen in einem gemeinsamen Sonderforschungsbereich (SFB) Nierenkrankheiten. Und sie kamen zu einem verblüffenden Resultat, berichtet Timo Speer. Bei allen Patienten der Studie, die an chronischer Niereninsuffizienz litten, hatte sich die Zusammensetzung der HDL-Komponenten verändert und damit auch die Funktion des HDL-Cholesterins im Organismus.

In der Blutbahn eines gesunden Menschen wirkt HDL-Cholesterin wie ein Staubsauger, es nimmt Blutfette auf und transportiert sie zur Leber. „Hier stimmt noch der Spruch vom guten Cholesterin.“ Bei Nierenpatienten änderte sich mit der Zusammensetzung des HDL-Cholesterins auch seine Funktion. Plötzlich gewinnen seine negativen Komponenten die Oberhand, erklärt Timo Speer. „Diese Substanzen aktivieren das Immunsystem“, erklärt Timo Speer. Die Folge dieses falschen Alarms sei eine chronische Entzündungsreaktion, die Blutgefäße angreift und das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht. „Blutfette entwickeln dann toxische Eigenschaften, die das angeborene Immunsystem aktivieren. Abwehrzellen greifen die Gefäßwände an und als Konsequenz verstopfen die Arterien.“

In einer anderen Untersuchung haben die Mediziner des transregionalen SFB einen weiteren Bestandteil der großen Familie der Blutfette unter die Lupe genommen, die triglyceridreichen Lipoproteine. Die spielten in der Diskussion über die Wohlstandskrankheiten bisher eher eine untergeordnete Rolle, doch Timo Speer ist überzeugt, dass sich das bald ändert. „Die Triglyceride sind das neue Cholesterin.“ Triglyceride nutzt unser Körper als Energiereserve, sie werden im Fettgewebe gespeichert. Den größten Teil nehmen wir über die Nahrung auf, unser Organismus kann sie aber auch (vor allem in der Leber) selbst produzieren.

Triglyceride sind chemisch einfacher aufgebaut als Cholesterine, und damit ist auch ihre Funktion schnell und einfach beschrieben. Kurz und knapp: Triglyzeride steigern das Herz-Kreislauf-Risiko – je höher die Konzentration, desto höher das Risiko. Umso schlimmer sind deshalb diese Zahlen: „Bei einem Drittel der Menschen in den USA und bei jedem fünften Deutschen sind die Blutkonzentrationen zu hoch“, sagt Timo Speer. Dieser Wert sei in den vergangenen Jahren auch noch gestiegen. Trigylceride lösen in einem Zelltyp des Immunsystems, den sogenannten Monozyten, Alarm aus. Diese im Blut zirkulierenden Zellen gehören zur Familie der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Sie sind ein wichtiger Teil des angeborenen Immunsystems und haben eigentlich die Aufgabe, körperfremde Substanzen aufzuspüren und zu vernichten. Monozyten fressen eingedrungene Erreger und aktivieren weitere Immunzellen. Sind diese Zellen aber auf Daueralarm geschaltet, greifen sie den eigenen Körper an. „Dann werden selbstzerstörerische Prozesse in Gang gesetzt, die unter anderem die Gefäßwände schädigen und Blutbahnen verstopfen“, erklärt Timo Speer. Das sei vor allem für Diabetiker und Nierenkranke wichtig, „weil diese Patienten ohnehin erhöhte Triglycerid-Konzentrationen im Blut haben“.

„Zu hohe Triglycerid-Werte verkürzen das Leben“, sagt Timo Speer. Das müsse jeder wissen. Allerdings sei diese Warnung nur die Hälfte der Nachricht. Dazu müsse auch gesagt werden, dass fast jeder Mensch die Konzentration dieser Blutfette in seinem Körper kontrollieren kann. Denn den größten Teil der Triglyceride nehmen wir mit der Nahrung auf. „Unser Lebensstil ist also entscheidend.“ Wer viel Fett futtert, aber auch wer zu süß isst und viel Alkohol trinkt, treibt die Werte in die Höhe. „Auch zu viel Salz erhöht die Triglycerid-Werte. Wir wissen allerdings noch nicht, warum“, erklärt Timo Speer. Wer seinen Lebensstil entsprechend anpasse, habe das Risiko damit weitgehend im Griff. „Alles in allem können wir jetzt erklären, warum eine fettarme Diät das Leben verlängert.“ Wer zusätzlich Sport treibt, verbessert die Werte noch einmal. Denn auch körperliche Aktivität senkt die Triglycerid-Werte.