Neue Alben von Nerija, Jazzstones Trio und Reno Suhner/Fabian M. Mueller

Jazz-Sammlung : Abenteuer, Stones-Cover und Schattenjazz

Nerija, das Jazzstones Trio und Reno Suhner mit Fabian M. Mueller überzeugen nicht alle.

Das Domino-Label hat selten Jazz im Sortiment. Dass bei Nerija eine Ausnahme gemacht wird, spricht für die berühmt berüchtigte Scheuklappen-Freiheit der großartigen Berliner Plattenfirma. Das pulsierende Herz dieses abenteuerlustigen Septetts ist mit Nubya Garcia recht schnell ausgemacht. Ihr köstlich bohrendes, schlingerndes, rotierendes und auch mal jubilierendes Tenorsaxofon ist die ästhetisch überragende „Blume“ (Domino ✮✮✮✮) eines kunterbunten Kollektivs. Drei weitere Bläser (Altsaxophon, Trompete und Posaune) verdichten den unterm Strich leichtgängigen, nie aber leichtfertigen, fast einstündigen Reigen. Bass, Gitarre und Schlagzeug agieren bisweilen Rock-affin, treibend, pulsierend, auch perlend. Aber genau das macht eben den Reiz aus. Und eine gewisse, herausfordernde Komplexität hat beim Jazz samt Anverwandtem noch selten geschadet.

Foto: Domino Record

Ob man die allergrößte Rock-Band der Welt ins Jazz-Genre überführen sollte, bleibt auch nach dem Konsum eines Albums, das zu Dreivierteln aus Rolling Stones-Covers besteht, mmmmh: fraglich. Oder sagen wir es so: die mittels Klavier, Bass und Schlagzeug erzeugte federnde Schwerelosigkeit (und Langsamkeit) von „Ruby Tuesday“, „Under My Thumb“ oder „Paint It Black“ irritiert. Wenn man es freundlich formulieren will. Eine alternative Wortwahl wäre: Das geht gar nicht. Deshalb hat’s wohl auch kaum je jemand gemacht. Punkt. Warum aber ausgerechnet das eigentlich so bitterböse „Sympathy For The Devil“ am überzeugendsten gelingt? Das Jazzstones Trio um den Pianisten Stefan Heidemann wird es vielleicht wissen. Uns bleibt das Rätsel – und die Erkenntnis: Die Beatles vertragen eine Genre-Mutation erfahrungsgemäß besser… Ach ja, das Album heißt übrigens „Plays The Rolling Stones“ (SHAA-Music/The Orchard ✮✮). Na sowas.

Foto: UK Promotion
Foto: UK Promotion

Zwei Schweizer suchten „Am Grund“ (Anuk Label ✮✮✮) nach Inspiration. Ihr Handwerkszeug dafür waren diverse Saxophone, eine Klarinette sowie die Tasten eines Klaviers. Bewusst wollten sich Reto Suhner & Fabian M. Mueller einmal aus den bekannten Band-Kontexten (FM Trio, Reno Suhner Quartett) lösen und auf sich besinnen, sprich: den klanglich schlankeren Raum mit Spannung, Harmonie und Dissens im offenen Dialog bespielen. Nun, tatsächlich vermisst man den vertraut volleren Sound. Manches klingt geradezu dünn, vorsichtig tastend, gar stochernd. Nur punktuell weiß das Werk zu bezaubern. Ob die Presse also erneut einen „Schattenjazz von beklemmender Schönheit“ – wie beim Vorgänger – bejubeln wird, bleibt abzuwarten.

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