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Das neue Album von Margo Price ist viel mehr als Country-Musik

Neues von Margo Price : Fulminante und freizügige Musik

✮✮✮✮✮ Margo Price sprengt mit ihrem neuen Album erneut das Country-Korsett.

Margo Price ist die überragende Singer/Songwriterin der letzten fünf Jahre. Schon ihr Debüt „Midwest Farmer’s Daughter“ (2016) war ein Statement, setzte ein Ausrufezeichen – gleichwohl das Album noch recht Country-lastig traditionell geraten war. Romantisierend schien auch das Cover. Es zeigte die Künstlerin mit Hut und wallendem Kleid auf einer Blumenweise. Gleichwohl deutete die Booklet-Rückseite schon an, dass diese Karriere weit widerspenstiger verlaufen sollte, als manche zunächst dachten: ein freches Oberarm-Tattoo wird hier wie beiläufig entblößt. Das sollte wohl bedeuten: Diese Nashville-Frau will auf keinen Fall ein Country-Darling sein oder werden. Die Genre-affine Presse war trotzdem begeistert. „Country’s Next Star“ erkannte der Fader, „A potential classic“ posaunte Pitchfork. Indes: es wurde noch viel besser. Der Zweitling „All American Made“ ganz am Jahresende 2017 überragte den kompletten Jahrgang mit mächtigen Balladen, HonkyTonk-Coolness, Himmel stürmenden Saiten-Ritten und einer unglaublich festen, klaren Stimme. Welche manche nicht zu Unrecht in die Nähe von Tammy Wynette und Loretta Lynn stellten. Jedes vermeintliche Country-Korsett wurde wiederum mit schierer Wucht und Sensibilität zugleich gesprengt.

 Margo Price - That’s How Rumors Get Started
Margo Price - That’s How Rumors Get Started Foto: Popup Records

Mittlerweile ist Margo Price Mutter, womit ihr thematisches Spektrum zwischen Beziehung(en), Politik (Black Lives Matter!) und entlarvten (amerikanischen) Mythen eine weitere, bereichernde Facette erfährt. „That’s How Rumors Get Startet“ geriet fulminant. Nach einer kurzen Eingewöhnung ob der erneuten Steigerung bezüglich Energie-Level, musikalischer Freizügigkeit und textlicher Direktheit, haut dieses pulsierende Zehn-Song-Paket wohl jeden um, der zuvorderst mit seinem Herzen Musik zu hören vermag. Für diese Erkenntnis braucht man nicht bis zum Herzblut-Drama eines kantig riffenden Schluss-Tracks namens „I’d Die For You“ warten. Das merkt man bereits im eröffnenden, psychedelisch angehauchten, voller Saiten- und Tasten-Pracht steckenden Titel-Song. Schon hier steht zudem fest: Die Frau hat stimmlich noch drauf gepackt. Auch die Pop-Dimension hat ein Upgrade erfahren. Nur einmal („Twinkle Twinkle“) wird der Rock-Faktor überstrapaziert. Der komplette Rest ist durchweg erste Sahne. Ob das explizite „Stone Me“, das rührende „Hey Child“, das via Orgel vorwärts gepeitschte „Heartless Mind“ oder das gospelige „Prisoner Of The Highway“: eine Gänsehautsalve jagt die Nächste. Dieses Werk brennt lichterloh – und verliert, wohl dank Produzent Sturgill Simpson, doch nie die überbordende Musikalität der Multi-Instrumentalistin aus dem Blick.