Zwischen den Zeilen von Olivier Assayas entführt in die Welt der Bücher - mit Trailer

Von Büchern, Beziehungen und Betrug : Atemberaubende Schauspielkunst aus Frankreich

✮✮✮✮ „Zwischen den Zeilen“ von Olivier Assayas mit Guillaume Canet und Juliette Binoche.

Wie wird es wohl in ein paar Jahren um den Büchermarkt bestellt sein? Werden die Leute dann noch Bücher in die Hand nehmen? Oder  doch lieber auf E-Books, Clouds oder Hörspiele setzen? Wenn alles nur noch digital verfügbar ist, wie fatal wären dann die Folgen eines Stromausfalls oder die fortschreitende Rohstoffknappheit für Energiespeicher wie Batterien und Akkumulatoren?

Alain Danielson, der in Paris einen Buchverlag betreibt, sieht sich mit solchen Fragen ebenso konfrontiert wie mit dem Positivismus von Laure (Christa Théret) seiner neuen Fachkraft für digitale Zukunftsstrategien. Nicht minder anstrengend sind auch die Einlassungen eines politisch korrekt gebürsteten männlichen Publikums im Blick auf die frauenfeindlich anmutenden Figuren- und Problemschilderungen von Leonard Spiegel. Dessen Bücher verkaufen sich prächtig, gerade auch bei Frauen; außerdem ist er ein guter Freund von Alain und zudem gerade vorstellig mit dem Manuskript seines neuen, wieder einmal schwerst autobiografischen Romans, den Alain trotz bester Verkaufsaussichten nicht zu verlegen gedenkt. Das stößt nicht nur auf Unverständnis bei Leonard, sondern auch bei Alains Frau, der Schauspielerin Selena, die just in diesen Tagen eine Affäre mit Leonard unterhält, während dessen aktuelle Partnerin Valérie (trügerisch sanft: Nora Hamzawi) auf mehr Klarheit in der Beziehung pocht.

Französische Filmemacher verstehen sich auf die Kunst des wohlfeil ziselierten Dialogs, aber kaum einer reduzierte den Film ums Gespräch herum so konsequent in Alltagsszenarien sich weltoffen und gefühlssouverän dünkender Großstädter wie Olivier Assayas. Dem Stil früher Großtaten wie „Lebenswut“ und „Paris erwacht“ ist Assayas zwar treu geblieben, der Erzählduktus ist heute nur eben gelassener, abgeklärter. Was sich in den Gesichtern der Protagonisten spiegelt, die auch im Moment tiefsten inneren Aufruhrs kaum an Contenance einbüßen. Guillaume Canet ist atemberaubend lässig als Alain, lässt aber auch keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm ist, wenn das spöttische Lächeln in den Augenwinkel ersterben sollte. Juliette Binoche ist Selena und wieder einmal atemberaubend in ihrer fraulichen Selbstsicherheit. Vincent Macaigne schließlich ist der Lebemann, der für seine Bücher ungeniert die Frauen seines Lebens als Inspirationssaft schlürft. Assayas inszeniert Begegnungen, hinter denen sich die Konflikte wie Postkarten an der Pinwand ins Blickfeld schieben. Die entladenden Gewitter passieren nicht im Bild, was hier enorm erholsam ist. Man würde ja sonst um die Delikatesse nuancierter Schauspielkunst betrogen.

Frankreich 2018, 107 Min., Filmhaus (Sb); Regie und Buch: Olivier Assayas; Kamera: Yorick Le Saux; Musik: Simon Jacquet; Besetzung: Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Christa Théret.

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