„Zu jeder Zeit“ von Nicolas Philibert: Faszinierende Dokumentation über Pflegekräfte

Kino-Kritik : Den Pflegern ganz nah

✮✮✮✮✮ „Zu jeder Zeit“ von Nicolas Philibert: Faszinierende Dokumentation über Pflegekräfte.

Es ist ein Symptom unserer Zeit, dass es Berufe gibt, die in der Bevölkerung höchste Wertschätzung genießen sollten, tatsächlich aber eher als niedere Arbeiten begriffen werden und schon deshalb in der unteren Hälfte des Besoldungsspektrums angesiedelt sind. Umso wertvoller ist es doch, wenn nun ein Film in die Kinos kommt, der sich die Ausbildung junger Leute zur Krankenpflege zum Untersuchungsgegenstand ausgewählt hat.

Nun gibt es nicht wenige, für die eine solche Themenwahl nicht auf Anhieb oder auch grundsätzlich nicht nach einer Einladung zum Kinobesuch klingt. Diese Sichtweise ist legitim, es wird in diesem Fall nur eben ein außerordentlicher Film verpasst.

Gleich die ersten Eindrücke stürzen den Zuschauer mitten hinein in eine klassische Unterrichtssituation. Handgriffe sind zu üben für die Erste Hilfe, auch Herzmassage. „Nein, warte, so musst Du das machen:“ Die Ausbilder sind freundlich und geduldig, aber bestimmt. Noch einmal erklären sie, worum es geht und wie es richtig gemacht wird.

Noch keine drei Minuten sind vergangen und schon ist man auf Augenhöhe dabei, wovon man sonst wohl eher wenig bis nichts erfahren würde. Es geht um die Sache und diese wird anschaulich vermittelt in einer Weise, dass man etwas lernt, ohne sich belehrt zu fühlen; dass man Neugierde entwickelt für die Sache und die Menschen, die Schüler und die Ausbildenden. Und bis zum Schluss wird man keine einzige überflüssige Minute erlebt haben. Wie das eben so ist bei einem Film von Nicolas Philibert („Sein und Haben“).

Der Franzose ist ein Filmemacher der alten Schule. Er führt die Regie, bestreitet die Arbeit an der Kamera und beim Schnitt. Philibert spielt nicht Versteck, die Leute vor der Kamera wissen Bescheid, dass er da ist und wann er filmt. Eine klare Situation der gegenseitigen Ehrlichkeit.

Philiberts Ansatz ist so simpel wie präzise. Er zeigt Menschen beim Lernen und vermittelt so Verständnis auf die Details in der späteren Arbeit. Eine Spritze in die Vene zu setzen oder den Puls zu finden – Philibert schaut immer geduldig zu. Das schürt ­Interesse, weil nichts vom Wesentlichen ablenkt. Seine Protagonisten sind junge Erwachsene, Männer und Frauen verschiedenster Herkunft und von unterschiedlichem ­Bildungsgrad. Das genügt. Keine Namen, keine sonstigen biografischen Details und vor allem – keine Interviews zu persönlichen Befindlichkeit. Das Menschelnde bleibt komplett ausgespart, weil das Menschliche sich aus den Handlungen und der ­gegenseitigen Interaktion ergibt. Ein Film, der beobachtet und neugierig macht – zu jeder Zeit.

Frankreich 2018, 105 Min., Filmhaus (Sb); Regie, Buch und Kamera: Nicolas Philibert.

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