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„Waves“ von Trey Edward Shults ist ein ergreifendes Familiendrama

Jetzt im Kino : Ein Werk voll wunderbarer Strahlkraft

✮✮✮✮✮ Neu: „Waves“ von Trey Edward Shults: Ein ergreifendes, meisterhaftes Familiendrama.

Irgendwo in der Mitte des Wagens schwebt die Kamera und dreht sich in einem unaufhörlichen 360-Grad-Schwenk um sich selbst. Das Auto rast dahin über eine Uferstraße in Südflorida. Aus den Lautsprechern wummert der Beat. Auf der Rückbank witzeln, lachen, johlen die Freunde. Der 17jährige Tyler (Kelvin Harrison Jr.) sitzt hinter dem Steuer und lächelt hinüber zu seiner Freundin Alexis (Alexa Demie). Das Leben meint es gut mit ihm. Trey Edward Shults‘ fulminanter Film „Waves“ beginnt mit einem Bilderrausch jugendlicher Ausgelassenheit, in den das Publikum hineingeworfen wird wie in einen reißenden Strom. Aber wenn Tyler nach Hause kommt, verliert sein Leben alle Leichtigkeit. Vater Ronald (Sterling K. Brown) hat sich als Bauunternehmer nach oben gearbeitet und ist stolz auf den erschaffenen Wohlstand und seine Familie. Denn er weiß aus eigener Erfahrung, dass man als Afroamerikaner zehnmal härter arbeiten muss, um diesen Status in der amerikanischen Mittelklasse zu erlangen. Deshalb lässt er seinem Sohn nichts durchgehen. Genau wie der Vater ist auch Tyler im Ringer-Team der High School und die sportlichen Leistungen garantieren ihm ein Stipendium an einer angesehenen Universität. Dann kommt Tyler ab von der Siegerstraße und steuert hinein in eine Tragödie. Aber nach diesem Kulminationspunkt ist der Film längst nicht zu Ende, sondern klappt eine andere Perspektive auf, indem er sich der Tochter der Familie zuwendet. Die jüngere Emily (Taylor Russell) stand immer im Schatten ihres Bruders. In der Schule wird sie nach dem Vorfall von den anderen gemieden, aber dann steht plötzlich Luke (Lucas Hedges) vor ihr. Daraus erwächst ein zarte Liebesgeschichte zwischen den Teenagern, die sich gerade in ihrer Fragilität gegenseitig erkennen. „Waves“ ist ein ergreifendes Familiendrama, wie man es im Kino noch nicht gesehen hat, gerade weil der Film mit seiner aufwühlenden Dynamik nicht sentimental auf die Tränendrüse drückt, sondern mit ebenso sensiblem wie analytischem Blick die Emotionen der Figuren freilegt. Dabei werden scheinbar nebenbei brennende Themen verhandelt: der riesige Leistungsdruck, der gerade in der amerikanischen Gesellschaft auf Heranwachsenden lastet, das Gepäck jahrhundertelanger Diskriminierung, das Afroamerikaner auch in der Mittelklassen nicht loswerden, die Ungleichheit von Jungen und Mädchen in familiären Rollenstrukturen und deren unterschiedlicher Umgang mit traumatischen Erfahrungen. Gerade einmal 31 Jahre alt ist Regisseur Trey Edward Shults. In diesem seinem dritten Langfilm zeigt er auf narrativer wie visueller Ebene enorme Schaffenskraft und Experimentierwillen, ohne dass die Unkonventionalität zum Selbstzweck wird. Shults filmt wie andere malen: expressiv, mit dickem Pinselstrich und knalligen, klaren Farben. Gleichzeitig erreichen gerade die ruhigen Momente im zweiten Teil eine wunderbare Strahlkraft.

USA 2019, 137 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Trey Edward Shults; Kamera: Drew Daniels; Musik: Trent Reznor, Atticus Ross;
Besetzung: Kelvin Harrison Jr.,
Taylor Russell, Lucas Hedges, Alexa Demie.