Jetzt im Kino Vom Labyrinth aus Genialität und Chaos

✮✮✮✮ Neu im Kino: „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler.

 Christoph Schlingensief (1960-2010).

Christoph Schlingensief (1960-2010).

Foto: Filmgalerie451

Bettina Böhler ist eine hoch geschätzte Schnittmeisterin, die maßgeblich das Werk von Christian Petzold beeinflusste. Ebenso Filme der Berliner Schule sowie von Filmschaffenden wie Margarethe von Trotta und Christoph Schlingensief, dessen Film „Die 120 Tage von Bottrop“ sie 1996 betreute. Letztes Jahr bestritt Böhler ihr Regiedebüt – eine dokumentarische Filmbiografie über Schlingensief.

Der sorgte als enfant terrible der deutschen Kulturszene zunächst als Filmregisseur, dann auf Theater- und Opernbühne und schließlich als Aktionskünstler für Schlagzeilen, Wertschätzung und Kopfschütteln. Schlingensief, 1960 in Oberhausen geboren, war ein missionarisch Getriebener, dessen Sinn für Gerechtigkeit und Aufklärung sich nicht selten in einem Labyrinth aus Genialität und Chaos verhedderte.

In ihrer klug konzipierten, chronologisch aufgebauten Montage folgt Böhler Schlingensiefs Lebens- und Schaffensweg und ihr gelingt das Kunststück, dass sie distanziertes professionelles Interesse und persönliche Anteilnahme an der stets ungekämmten Gesamtinszenierung Schlingensief zu verschmelzen versteht, ohne sich dabei penetrierend wertend einzubringen. Die in beachtlicher Fleißarbeit zusammengetragene Collage aus Film- und Bühnenextrakten, Interviews und zeitgenössischen TV-Mitschnitten erfasst in sensibler Annäherung den Menschen und den Künstler Schlingensief. Sie fordert nicht ein, dass man seine Ansichten und Arbeiten teilen muss, aber dass sie der Auseinandersetzung wert sind. Man mag kaum glauben, dass es schon zehn Jahre her ist, dass Christoph Schlingensief seinem Krebsleiden erlag. Der Film dauert 120 Minuten. Keine davon ist zu viel.

D 2019, 130 Min., Filmhaus (Sb); Regie und Buch: Bettina Böhler; Musik: Helge Schneider.

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