Kritik zu „Nurejew – The White Crow“ von Ralph Fiennes - mit Trailer

Filmbiographie über Rudolf Nurejew : Eine Ballettlegende leistet Widerstand

✮✮✮✮ „Nurejew – The White Crow“ von Ralph Fiennes: Spannung feinfühlend in Szene gesetzt.

Als er 1955 am Choreographischen Institut Leningrad aufgenommen wird, ist Rudolf Nurejew (Oleg Ivenko) mit 17 Jahren eigentlich schon zu alt für die Ausbildung an der berühmtesten Ballettschule der Welt. Seinen Trainingsrückstand arbeitet er mit eiserner Disziplin auf. Der junge Tänzer aus der Provinz will hoch hinaus und ist sich seines Talents bewusst. Mit jugendlicher Unverfrorenheit gelingt es ihm in die Klasse des legendären Ballettmeisters Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) aufgenommen zu werden. Er erkennt schon bald Nurejews Begabung.

 Mit seiner dritten Regiearbeit erzählt Ralph Fiennes in „Nurejew“ auf drei ineinander verflochtenen Zeitebenen aus dem frühen Leben des legendären Tänzers. Neben den Lehrjahren in Leningrad und Rückblenden zur armen Kindheit in der russischen Provinz, konzentriert sich der Film vor allem auf Nurejews erste Reise nach Paris. Das Leningrader Kirow-Ballett wird 1961 in die französische Hauptstadt eingeladen.

Es ist die Hochzeit des kalten Krieges und natürlich werden die Tänzer von sowjetischen Geheimdienstlern gut betreut. Aber Nurejew hält sich nicht an Ausgangssperren und Gesprächsverbote. Der Tänzer taucht tief in die Kultur der westlichen Metropole ein und wird abends auf der Bühne als Offenbarung gefeiert. Schließlich kommt es am Pariser Flughafen zum Eklat, als Nurejew die Weiterreise mit dem Ensemble nach London verwehrt wird und er nach Moskau ausgeflogen werden soll, wo ihm die Verhaftung droht. Vor den Augen der Presse spielt sich ein Geheimdienstkrimi ab, den Fiennes mit feinsinniger Hochspannung in Szene setzt und dabei die lauernde Aggressivität der ganzen Kalten Kriegs-Ära dramatisch auf den Punkt bringt. Mit seiner mehrsträngigen Erzählweise gelingt es Fiennes weitgehend der Behäbigkeit einer klassischen Filmbiografie zu entkommen. Auch das Wagnis mit dem Ukrainer Oleg Ivenko einen unerfahrenen Schauspieler, aber umso versierteren Balletttänzer unter Vertrag zu nehmen, erweist sich als Glücksgriff, der es ermöglicht Nurejew als Tänzer und Privatperson miteinander verschmelzen zu lassen. Ivenko generiert ein beträchtliches Leinwand-Charisma. Ihm gelingt es die Anziehungskraft, die Selbstbezogenheit, die Lebensneugier und das atemberaubende Talent eines Mannes zu verkörpern, der genau weiß, dass er ins Rampenlicht gehört und ihm die Aufmerksamkeit der ganzen Welt gewiss ist.

GB/Frankreich/Serbien 2018, 127 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Ralph Fiennes; Buch; David Hare; Kamera: Mike Eley; Musik:Ilan Eshkeri; Besetzung: Oleg Ivenko, Adèle Exarchopoulos, Chulpan Khamatova, Ralph Fiennes.

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