Kritik zu „Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar - mit Trailer

Antonio Banderas spielt Pedro Almodóvar : Abgeklärter Hypochonder der Gegenwart

✮✮✮ „Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar: Vermischung von Realität und Fiktion.

Filmregisseur Salvador Mallo ist seelisch und körperlich ein Wrack. Zu sehr fraßen künstlerischer Druck und menschliche Enttäuschungen, zu tief sitzen nun die geschlagenen Wunden. Und erst diese Rückenschmerzen, psychosomatisch bedingt und nur noch mit starken Mitteln im Zaume zu halten. Verletzungen; Salvador hat es wirklich nicht leicht dieser Tage. Um diese Krise zu überwinden, beginnt er sich unbewältigten Konflikten aus der Vergangenheit zu stellen. Dazu gehört zunächst einmal ein Treffen mit Alberto Crespo, der in Salvadors großen Filmen die Hauptrolle spielte, dann böse abrutschte und nun an einem Comeback auf der Bühne arbeitet. Es steht aber auch ein Besuch bei Federico an, der Salvadors erste große erfüllte Liebe war. Und dann sind da noch seine Mutter und jener Bauarbeiter aus Valencia, der Salvador ein Bild malte; ganz abgesehen von all den anderen Bildern, die er im Kopf eines kleinen Jungen hinterließ.

Von der iberischen Mittelmeerperle Valencia über Andalusiens Hinterland bis ins Herz von Madrid reicht die Reise, auf der Spaniens Regieikone Pedro Almodóvar in seinem jüngsten Werk Erfundenes und selbsterlebte Wirklichkeit vermischt. Ernst ist es ihm mit der Selbstbespiegelung, szenenweise wurden Dekors nach eigener Möblierung authentisch nachgebaut, und Antonio Banderas trug während der Dreharbeiten Almodóvars Frisur und dessen Garderoben. Jenseits solcher Liebe zum Detail, die nur dann Sinn stiftet, wenn man auch davon weiß, bleibt Almodóvar seinem Hang zum schwulen Melodram treu; inklusive Erzählstruktur mit verzwickt ineinander verschachtelten Zeit- und Handlungsebenen und einem faszinierenden, aber nicht vollständigen Ensemble der bewährten Kräfte.

Victoria Abril sucht man vergebens, und Carmen Maura wurde durch ein jüngeres Alter Ego in Gestalt von Nora Navas ersetzt. Cecilia Roth hat eine kleine, ironische Nebenrolle und Penelope Cruz sucht in rassiger Jungmutterrolle ihre Verwandtschaft zu Gina Lollobrigida und Sofia Loren, als die noch für Vittorio de Sica vor der Kamera standen. Julieta Serrano hat eine zu Herzen gehende Gastrolle als Salvadors greise Mutter und Antonio Banderas umtapst alle und jeden mit steifem Rücken und einer Miene, die er so leidensreich anlegt, dass es fast wieder komisch ist.

In Cannes wurde ihm dafür die Palme für den besten Hauptdarsteller zuerkannt, was eigentlich ein bisschen zu viel der Ehre ist. Almodóvars Name hat eben immer noch Gewicht in den Festivalzirkeln der alten Welt. Aber schöner wäre es, wenn er noch einmal den abgeklärten Hypochonder der Gegenwart gegen den hedonistischen Humor seiner frühen Werke eintauschen könnte.

Spanien 2019, 113 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Pedro Almodóvar; Kamera: José Luis Alcaine; Musik: Alberto Iglesias; Besetzung: Antonio Banderas, Leonardo Sbaraglia; Asier Etxeandia, Penélope Cruz.

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