Kritik zu „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon - mit Trailer

Film über eine wahre Geschichte : Ein Opfer klagt die Kirche an

✮✮✮✮✮ „Gelobt sei Gott“ von Francois Ozon: Fesselnder Film über Missbrauch in der Kirche.

Alexandre Guérin ist ein moderner Geschäftsmann. Er hat eine Frau und heranwachsende Söhne. Alexandre ist auch ein gläubiger Mensch. Der Kirchgang am Sonntag ist ihm tief empfundenes Anliegen. Dann wird er gewahr, dass Bernard Preynat wieder in der Gemeinde als Priester wirkt. Das weckt schreckliche Erinnerungen, denn Alexandre wurde als Kind von Preynat sexuell missbraucht. Und jetzt ist der Geistliche immer noch im Dienst, und immer noch darf er mit Kindern arbeiten. Alexandre ringt mit seiner Empörung, dann setzt er ein Schreiben an Philippe Barbarin, den Kardinal von Lyon, auf.

Filme brauchen ihre Zeit, um reale Geschehnisse aufzubereiten. Francois Ozon greift in seinem jüngsten Film einen Fall auf, der seinen Anfang 2016 nahm. Das anhängige Verfahren war bei Ende der Dreharbeiten und auch zum Zeitpunkt der Premiere im Dezember 2018 noch nicht abgeschlossen. Eine derartige Aktualität, auch Brisanz ist hier als Begriff angemessen, hat es noch nicht gegeben, zielführend ist es nur bedingt. Denn wenngleich Ozon keinen Dokumentarfilm drehte, so wirkt sein Film doch weitestgehend wie ein direktes Abbild von Wirklichkeit. Was sich erst ganz am Schluss als Nachteil herausstellt, weil der Film seiner Linie treu bleibt und sich einen Wunschschluss versagt.

Der Film erfüllt alle Voraussetzungen für spannende Unterhaltung mit gesellschaftlichem und psychologischem Tiefgang. Denn als Alexandre Guérin (eine faszinierend kontrollierte Performance von Melvil Poupaud) erkennt, dass Kardinal Barbarin auf Verzögerung taktiert, beginnt Alexandre mit der Suche nach weiteren Opfern des Priesters Preynat. Der sehr reale Handlungsmotor dabei ist es, jemanden zu finden, dessen Missbrauchsfall noch nicht verjährt ist, damit ein Verfahren gegen die Kirche angestrengt werden kann. Das Element des Politthrillers erfährt dabei faszinierende Bereicherung durch die inneren Kämpfe der jeweils neuen Protagonisten, ob sie überhaupt an die Öffentlichkeit gehen wollen. Den gedanklichen Variationsraum in Verbindung mit der unmissverständlichen Botschaft zur Aufklärung von Missständen hat Ozon zu einem Film von inhaltlicher Strenge und formaler Geschlossenheit verdichtet, wie er von diesem sonst so verspielten Filmemacher nicht zu erwarten war. Ein fesselnder Film für denkende Leute, der zum Nachdenken, zur Diskussion anregt.

Frankreich 2019, 138 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Francois Ozon; Kamera: Manu Dacosse; Musik: Evgueni und Sacha Galperine; Besetzung; Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Eric Caravaca.

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