Kritik zu „Ein ganz gewöhnlicher Held“ von Emilio Estevez - mit Trailer

Bibliothek als Institution der Demokratie : Blick auf soziale Missstände in Trumps Amerika

✮✮✮ „Ein ganz gewöhnlicher Held“ von Emilio Estevez feiert eine Institution der Demokratie.

Ein Winter in Cincinnati kann sehr kalt sein, und dieses Jahr ist es besonders frostig. Weil die öffentlichen Auffangstationen schon lange nicht mehr ausreichen, strömen die Obdachlosen in die öffentliche Bibliothek, um sich hier während der ­Öffnungszeiten zumindest am Tage aufzuwärmen. Als das Thermometer weiter fällt, regt sich Widerstand unter den Gästen, das Gebäude in den frühen Abendstunden zu verlassen. Der wegen Drogenmissbrauchs vorbestrafte ­Mitarbeiter Stuart Goodson und sein Chef Anderson handeln ­instinktiv und behalten die Leute im Gebäude.

Was als ­menschliche Geste gedacht ist, wird in der ­Außenperspektive gegen alle ­Logik als unbefugtes Eindringen mit anschließender Geiselnahme gedeutet.

Inspiriert von Zeitungsmeldungen realisierte Emilio Estevez seine siebente Regiearbeit fürs Kino und lotet dabei einmal mehr die Spannungsverhältnisse zwischen Individuum und Autoritäten im Zeichen von Generationenkonflikt und Zivilcourage aus. Der ältere Bruder von Charlie Sheen erweist sich dabei einmal mehr als talentierter Filmerzähler mit Gespür für unkonventionelle Stoffe und konzentrierte Schauspielerführung. Aber wie in fast allen seinen Filmen kann er auch diesmal den Verdacht nicht zerstreuen, dass er mehr abbiss, als jemand künstlerisch kauen konnte, weshalb ihm auch dieser Film zur Mitte immer wieder zu entgleiten beginnt. Die stärksten Szenen finden sich im Aufbau des Konflikts, wenn die Bücherei als Schauplatz und die hier arbeitenden und verkehrenden Personen schrittweise etabliert werden. Wenn dann die Lage außer Kontrolle zu geraten beginnt, verliert der Film die Balance. Einerseits gibt er sich als gekonnte Variante großer Geiseldramen wie „Hundstage“ und „Mad City“, andererseits mag er seine Tendenz zur humorvollen Karikierung der Situation und ihrer Handlungsträger nicht aufgeben; und ganz generell stellt sich im fortschreitenden Verlauf der Handlung immer mehr die Frage, wer überhaupt die Hauptfigur ist und wohin das alles führen soll. Das alles lässt den Film problematischer erscheinen, als er eigentlich verdient hat, denn Estevez ist immer noch ein guter Schauspielerregisseur, auch für sich selbst. Aber als Autor hat er dringend einen Dompteur für die Disziplin nötig.

USA 2018, 119 Min.; Regie und Buch: Emilio Estevez; Kamera: Juan Miguel Azpiroz; Musik: Tyler Bates, Joanne Higginbottom; Besetzung: Alec Baldwin, Taylor Schilling, Emilio Estevez.

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