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Kritik zu Bohemian Rhapsody - mit Trailer

Queen-Biographie : Ein Stück Rockgeschichte

✮✮✮✮ „Bohemian Rapsody“ von Bryan Singer und Dexter Fletcher: aufrichtige Filmbiografie

Man soll ja nicht mit dem Finger auf Leute zeigen, aber dieser Typ da sollte sich wirklich mal die Zähne richten lassen. Es ist aber nicht nur der Zahnstand, der Frederick Bulsara unter Leuten sehr schüchtern auftreten lässt. In den ersten Jahren der eitlen 70er, als Glamour und Travestie in England fröhliche Blüten treiben, ist das keine gute Voraussetzung für einen Jungen mit pakistanischen Wurzeln, wenn er in London auffallen will. Trotzdem springt er an diesem Abend zweimal über den Schatten. Er sagt der schönen Mary, dass er ihre Klamotten klasse findet, und er bringt sich bei der Band Smile, die gerade ohne Sänger ist, als neuer Frontmann ins Spiel.

Gleich beim ersten gemeinsamen Gig explodiert Frederick auf der Bühne zum Zwitter aus Pfau und Gockel und reißt alle mit. Es sind die Anfänge einer Karriere, die einen Sound entwickelt, der Rockgeschichte schreibt mit über zwei Dutzend Hits und weltweit ausverkauften Hallen und Stadien.

Es ist nun knapp zwanzig Jahre her, dass die Musical-Tempel Revival-Shows in ihre Programme aufnahmen, die bewährte, geschmeidige Song-Kataloge als roten Faden für hymnisch überhöhte Künstlerbiografien nachspielten. Das funktionierte mit Abba, den Beatles, Michael Jackson und Tina Turner und auch mit Queen. Anders als die Bühnenshow „We Will Rock You“ ist „Bohemian Rhapsody“ eine aufrichtige Filmbiografie, die sich der Geschichte der Band im Allgemeinen und Freddie Mercurys im Besonderen von 1970 bis zur triumphalen Wiedervereinigung beim Live-Aid-Konzert 1985 widmet.

Bisweilen laufen die Dinge allzu episodisch, und es gibt immer wieder Szenen, in denen technische Defizite ein knapp gefasstes Budget offenbar werden lassen. Das größte Problem aber war es wohl, einen Hauptdarsteller zu finden, der sich bereit zeigt, das bizarre Mercury-Make-up auftragen zu lassen; der aber so gut spielen muss, dass er den Menschen hinter der Maske durchscheinen lassen und den Künstler erfahrbar machen kann.

Mit dem Kalifornier Rami Malek geht diese Rechnung so weit auf, dass man der Leinwandfigur Mercury gerade in den leiseren, intimen Momenten Anteilnahme schenkt und sich von ihm auf der Bühne mitreißen lässt. Malek ist das Herz des Films, aber jede Szene ohne ihn und letztlich jeder Umschnitt schaffen Intervalle, die seinen Wiedereintritt in den Film zum Drahtseilakt zwischen Faszination, Verstörung und unfreiwilliger Komik machen. Mit den anderen Bandmitgliedern stellen sich diese Hürden ebenso wenig wie mit dem ansonsten mustergültig eingefangenen Zeitkolorit.

Vielleicht wäre dieser Film besser nicht gedreht worden. Aber er hat Mut und er ist ehrlich und manchmal ist er Oper. Wie Queen. Wie Mercury.

USA/GB 2018, 134 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Bryan Singer, Dexter Fletcher; Buch: Anthony McCarten; Kamera: Newton Thomas Sigel; Musik: John Ottman; Darsteller: Rami Malek, Lucy Boynton, Gwilym Lee, Ben Hardy.