Kritik zu „Aretha Franklin: Amazing Grace“ von Alan Elliott & Sidney Pollack

Konzert in der James Clevelands New Bethel Baptist Church in Los Angeles : Da staunt selbst der junge Mick Jagger

✮✮✮✮✮ „Aretha Franklin: Amazing Grace“ von Alan Elliott & Sidney Pollack: Ein Meisterwerk.

„Ich muss wieder eine Gospel-Platte machen“, gestand Aretha Franklin ihrem großen Vorbild Mahalia Jackson Ende 1971 – und wenige Wochen später wurde das Versprechen eingelöst. Am 14. und 15. Januar 1972 nahm sie in James Clevelands New Bethel Baptist Church in Los Angeles vor Mitgliedern der Gemeinde und geladenen Gästen, darunter Arethas Vater C.L. Franklin und die Gospelikone Carla Ward, zwei Konzerte auf.

Begleitet wurde sie von Sessionmusikern und dem Southern California Community Choir unter der Leitung von Alexander Hamilton. Sydney Pollack, in jenen Tagen wegen chronischer Erfolglosigkeit an einem kritischen Punkt seiner Karriere, war als Regisseur fürs Fernsehen dabei. Der Film wurde gedreht, kam aber nie zur Ausstrahlung, weil wegen eines technischen Fehlers Bild und Ton nicht synchronisierbar waren und weil es zum juristischen Disput zwischen der Franklin-Familie und dem TV-Sender kam.

45 Jahre später konnte der Streit beigelegt und die technische Rettung des Materials angegangen werden. Das Resultat, zu seiner Zeit bereits als Meilenstein amerikanischer Musik gewürdigt und als bis heute bestverkauftes Gospelalbum gefeiert, ist nun in der Synthese von Ton und Bild ein faszinierendes Zeitgeistdokument schwarzen Selbstverständnisses vor 50 Jahren. Man darf staunen über die unverstellte Begeisterung der Zuschauer angesichts einer gottesdienstlich anmutenden Veranstaltung mit Reverend Cleveland als Taktgeber und einem Chor, der jede Nuance seines Leiters mit entwaffnender Professionalität aufschnappt und kraftvoll orgiastisch intoniert: Gospel ist eben auch im Sitzen pure Freude. Noch schillernder ist das Publikum. Alle haben sich herausgeputzt, was im Stil der frühen 70er Jahre aberwitzige Blüten treibt. Die Haare der Ladies sind toupiert und mit mutmaßlich zwei Dosen Taft auf Halt hin betoniert. Die Garderoben sind aus Kunstfaser gewirkt und verlangen nach Deodorierung in Überdosis. Alles ist atemberaubend bunt, und wer auf sich hält, läuft im Pelz auf, obwohl die Luft schon vor dem Konzert kocht.

Man darf staunen über die rohe Kraft, mit der die anfangs beinah verhuscht wirkende Aretha Franklin sich im Gospelkonzept von Ruf und Antwort in gesangliche Ekstase wühlt und dabei doch ganz zart, ja beinahe zerbrechlich wirkt. Man wird sich wundern, wie wenig in den Gesangsnummern geschnitten wird, weil Regie und Kamera der Qualität des Individuums bei der künstlerischen Arbeit vertrauen, was eine nach heutigen Maßstäben bedrängende Intensität von der Leinwand in den Kinosaal übersetzt. Und ganz hinten im Publikum des zweiten Abends entdeckt man Mick Jagger und Charlie Watts, die sehr beeindruckt aussehen. Praise the Lord!

USA 2018, 89 Min., Camera Zwo ()Sb); Regie: Alan Elliott, Sidney Pollack; Schnitt: Jeff Buchanan.