1. Leben
  2. Treff Region
  3. Kino

Komödie „Auf der Couch in Tunis“ von Manele Labidi jetzt im Kino

Jetzt im Kino : Lässig und cool wie eine Westernheldin

✮✮✮✮ Neu im Kino: Die federleichte Komödie „Auf der Couch in Tunis“ von Manele Labidi.

„Wir haben Gott. So etwas brauchen wir hier nicht“ sagt die Tante, als Selma (Golshifteh Farahani) ihr eröffnet, dass sie in Tunis eine psychoanalytische Praxis eröffnen will. Selma war zehn Jahre alt, als sie mit ihren Eltern aus Tunesien nach Paris emigrierte. Nun will sie zurück – nicht nur zu ihren familiären Wurzeln, sondern auch in ein Land, das sich nach dem arabischen Frühling 2011 und dem Sturz des Diktators Ben Ali im Umbruch befindet.

Im nachrevolutionären Tunis ist sie die erste Psychoanalytikerin und davon überzeugt, dass die Menschen hier ihren seelischen Beistand brauchen. Natürlich sind alle skeptisch gegenüber der Wiedereinwanderin, die in der Öffentlichkeit raucht, kein Kopftuch, aber Latzhosen trägt und keinen Hehl daraus macht, dass die Gründung einer eigenen Familie nicht auf ihrer To-Do-Liste steht.

Aber die Neugier siegt über die Skepsis, denn in einer Gesellschaft, die gerade eine Diktatur abgeschüttelt hat, herrscht Redebedarf. Ein ehemaliger politischer Häftling sucht die Praxis erst einmal nach Abhörgeräten ab. Eine Mutter fühlt sich von ihrem erwachsenen Sohn, der immer noch bei ihr wohnt, bedrängt. Ein Bäcker wünscht sich eine Frau zu sein, was bei einem Hammam-Besuch zum Eklat führt. Ein weltlicher Imman gerät in Konflikt mit Salafisten.

Aber dann schließt der eifrige Polizist Naïm (Majd Mastoura) die Praxis, weil keine offizielle Genehmigung vorliegt. Selmas Versuch eine Zulassung zu bekommen, führt sie auf eine kafkaeske Reise in den postrevolutionären Behördendschungel.

Mit „Auf der Couch in Tunis“ zeichnet Manele Labidi in Form einer federleichten Komödie ein Panorama der tunesischen Gesellschaft nach dem arabischen Frühling. Labidi platziert ihre Heldin zwischen die Kulturen, ohne die klassischen Konfliktlinien zwischen westlichem und nahöstlichem Lebenstil aufzumachen.

Die fabelhafte Golshifteh Farahani stattet die Rückkehrerin mit einem tiefenentspannten Selbstbewusstsein aus und bewegt sich mit der Lässigkeit einer Westernheldin durch die Wirren des nachrevolutionären Tunis.

Ihre Selma lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen, aber sie ist als studierte Psychoanalytikerin eben auch eine gute Zuhörerin. Und so geht es in den Therapiesitzungen weniger um die weisen Ratschläge der zugereisten Seelenärztin, sondern um die Patienten, die sich ihr zögernd öffnen. Ernste und komische Tonlagen werden hier dicht nebeneinander gelegt und zu einem lebhaften Sittengemälde verwoben.

Frankreich/Tunesien 2019, 89 Min., Filmhaus (Sb); Regie und Buch: Manele Labidi; Kamera: Laurent Brunet; Musik: Flemming Nordkrog; Besetzung: Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, Aisha Ben Milded, Feryel Chammari.