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Jojo Rabbit ist im Rennen um mehrere heiß begehrte Oscar-Figuren

Oscar-Nominierung : Wie sich indoktrinierter Hass in eine zarte Liebe verwandelt

✮✮✮✮✮ „Jojo Rabbit“ von Taika Waititi: Komödiantischer Blick auf das Dritte Reich, intelligent und verspielt zugleich.

Für den zehnjährigen Jojo (Roman Griffin Davis) ist es der wichtigste Tag seines kurzen Lebens. Denn heute soll er endlich in die Hitlerjugend aufgenommen werden. Im Ausbildungslager wird er all die tollen Sachen lernen: Marschieren, Nahkampf, durch den Schlamm robben, Handgranaten werfen.

Jojo ist aufgeregt. Die neue Uniform steht ihm gut, aber er weiß, dass darin nicht der harte Kerl steckt, der er gerne wäre. Aber immer, wenn es drauf ankommt, steht ihm sein eingebildeter Freund mit Rat und Tat zur Seite. „Du bist der treueste, kleine Nazi, den ich mir vorstellen kann“ tröstet ihn der imaginäre Adolf Hitler und übt mit dem Knaben den Führergruß so lange, bis die entschlossene Intonation erreicht ist.

Trotzdem läuft im HJ-Lager alles schief und Jojo zum Gespött der Rotte. Die Mutter (Scarlett Johansson) versucht ihren indoktrinierten Sohn mit Geduld und Humor auf den Pfad der Liebe zum Leben zu bringen. Dass sie sich im Widerstand engagiert, darf Jojo nicht wissen, und auch nicht, wen sie oben in der Dachkammer versteckt hat. „Bist du ein Geist?“ fragt Jojo erschrocken, als die sechzehnjährige Elsa (Thomasin McKenzie) plötzlich vor ihm steht. „Ich bin etwas viel schlimmeres“ sagt sie, „Ich bin ein Jude“. Über Juden hat Jojo schon viel gehört: zum Beispiel, dass sie unsichtbare Hörner tragen, Rabbis Penisspitzen als Ohrstöpsel benutzen und die Judenkönigin an geheimem Ort ihre Eier ablegt. Aber bald weicht die Furcht der Neugier und einem unbekannten Gefühl in der Bauchgegend.

Mit seiner Farce „Jojo Rabbit“ reiht sich Taika Waititi in die Riege der Regisseure von Charlie Chaplin bis Mel Brooks ein, die einen komödiantischen Blick auf das Dritte Reich gewagt haben. Allerdings wird hier das satirische Rezept durch den naiven Blick eines Kindes erweitert und punktuell immer wieder aus dem Komödien-Terrain herausgeführt. Hin zu einer zarten Liebesgeschichte, aber auch zu tragischen Wendepunkten, die ungeschönt auf die nationalsozialistischen Gräueltaten verweisen. Ein empfindlicher Balanceakt, den Waititi („5 Zimmer Küche Sarg“/„Thor: Ragnarok“) – wie jeder gute Artist – scheinbar vollkommen unangestrengt ausführt. Er selbst spielt den eingebildeten Hitler als pointierte Slapstickfigur, die von einer Sekunde zur nächsten vom kumpelhaftem Freund zum despotischem Hetzredner wechselt. Als erstarkender Gegenpol erwächst Jojos Freundschaft zu Elsa, die dessen antisemitischen Ressentiments mit ironischem Geschick dekonstruiert. Wie sich der indoktrinierte Hass in eine zarte Liebe verwandelt, erzählt „Jojo Rabbit“ nicht auf sentimentale, sondern auf eine intelligent verspielte Weise. Zur Botschaft passt die sichtbare Liebe zum Filmemachen, mit der hier jede Einstellung durchzogen ist. Eine echte Perle in diesem noch jungen Kinojahr, die sich ihre sechs Oscarnominierungen wohl verdient hat.

Neuseeland/USA/Tschechien 2019, 108 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Taika Waititi; Kamera: Mihai Malaimare jr.; Musik: Michael Giacchino; Besetzung: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Scarlett Johansson, Taika Waititi, Sam Rockwell.