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„Jean Seberg – Against All Enemies“ von Benedict Andrews im Kino

Kinostart : Unliebsame Propaganda und ein riskanter Seitensprung

✮✮✮ Neu: „Jean Seberg – Against All Enemies“ von Benedict Andrews: Starke Hauptdarstellerin, schwacher Film.

Ist es erstrebenswert, ein Leben als Stilikone führen zu müssen? Jean Seberg hat sich auf ihre Weise damit arrangiert, sie sitzt die Dinge aus und lächelt in die Kameras der Paparazzi. Dass sie den französischen Schriftsteller Romain Gary heiratete und mit ihm in Paris lebt, ist nur für ein studentisches Publikum von Interesse. Die großen Rollen, die ihre Karriere prägten, liegen schon fast ein Jahrzehnt zurück.

Es scheint, dass Jean Seberg sich mit gerade mal 30 Jahren selbst überlebt hat. Jetzt aber stehen Rollenangebote für zwei große Hollywood-Filme an. Im Flieger zurück in die USA lernt sie Jamal kennen. Der smarte Schwarze ist eine der führenden Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung Black Panthers, die sich für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung einsetzt. Seberg fühlt sich sofort zu Jamal und seinen Ideen hingezogen. Sie besucht soziale Einrichtungen und spendet beträchtliche Geldsummen.

Damit weckt sie das Interesse der Bundespolizei. Zwei Agenten nehmen Seberg ins Visier und treten eine Schmutzkampagne los. Als Seberg deshalb an den Rand des Nervenzusammenbruchs gerät, erwachen in Agent Solomon Skrupel.

Und noch ein Panorama vom Ende der Sixties, als Amerikas Goldene Nachkriegsära in Vietnamkrieg, Studentenprotesten und einem brutal zurückknüppelnden Establishment einer ernsten gesellschaftlichen Zerreißprobe unterzogen wurde. Die Seberg-Episode um unliebsame Propaganda zugunsten der aufbegehrenden Ghettobevölkerung und einen riskanten zwischenethnischen Seitensprung hat einerseits das Glück, auf ein vergleichbares soziales Reizklima zu treffen, bleibt aber andererseits einer vorzugsweise dekorativ interessierten Nachgestaltung realer Ereignisse verhaftet.

Wie weit das Interesse weckt an Vorgängen, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen, bleibt zweifelhaft. Sehenswert ist allerdings Kristen Stewart, die seit einiger Zeit Freude an buntem Rollenspektrum zeigt und die Titelrolle mit einer Intensität ausgestaltet, dass man glatt verzeiht, dass Stewart kaum äußere Ähnlichkeit mit dem realen Vorbild aufweist. Der Film um sie herum geriert sich gesellschaftsoffen und beinah kämpferisch, kommt aber über Flugblattparolen und eher altbackene Melodramatik nicht hinaus.

USA 2019, 103 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Benedict Andrews; Buch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse; Kamera: Rachel Morrison; Musik: Jed Kurzel; Besetzung: Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Colm Meaney.