„Goliath 96“ von Marcus Richardt mit Katja Riemann

Kino-Kritik : Diese Cinderella lässt nicht locker

✮✮✮✮ „Goliath 96“ von Marcus Richardt: Mutiger Film zum Thema soziale Isolation.

Kristin Dibelius war erfolgreiche Managerin eines Lebensmittelkonzerns, dann wurde sie vorzeitig entlassen und abgefunden. In der neu gewonnen Freizeit richtet sie ihr Augenmerk verstärkt auf das wesentliche Problem zu Hause. Kristins 22jähriger Sohn David verschanzt sich seit zwei Jahren in seinem Zimmer; für Speisen und Toilettengang kommt er nur heraus, wenn die Mutter nicht zu Hause ist, oder in tiefster Nacht.

Bislang steckte Kristin in der Zwickmühle, dass sie die Lage akzeptiert, wie sie ist, oder den Fall behördlich meldet und in Kauf nimmt, dass David in eine Nervenheilanstalt überführt wird. Da beides keine Option sein soll, ergreift Kristin die Initiative.

Einem alten Hobby Davids folgend, recherchieret sie im Internet zum Thema Drachenbau und stößt auf ein Web-Forum, wo ein unnahbarer Teilnehmer unter dem Nickname goliath96 sein Fachwissen teilt. Kristin nimmt unter dem Pseudonym cinderella97 Kontakt auf - und erhält Antwort. Der bald persönlicher werdende Chat löst bei goliath96 unerwartete Gefühle aus. Er möchte sich mit cinderella97 treffen.

Hikikomori nennt sich das Phänomen, das erstmals 1998 in Japan wissenschaftlich erfasst wurde und sich seither auch in der westlichen Gesellschaft eingenistet hat. Im letzten Jahr kam mit Isabel Prahls „1000 Arten Regen zu beschreiben“ ein Film in die Kinos, in dem Bibiana Beglau und Bjarne Mädel als verzweifelte Eltern ihren 18jährigen Sohn als Weltverweigerer verstehen lernen mussten.

In Marcus Richardts Spielfilmdebüt ist die Weltverweigerung die letzte Stufe einer psychischen Verwundung, die begann, als Davids Vater während eines Familienurlaubs spurlos verschwand und seither unauffindbar blieb. Dieses Ereignis, das sich zutrug, als der Junge sechs Jahre alt war, wird in Rückblenden aufgegriffen, bleibt aber die einzige psychologische Erklärung für Davids selbstgewählte Isolation. Wichtiger ist in diesem Fall der Versuch einer persönlichen Annäherung von Seiten der Mutter, die per Internet stattfindet.

Damit schlägt die Stunde von Katja Riemann, die mit beachtlicher Intensität die Zähne in eine nur bedingt sympathische Rolle schlägt, die zudem die technische Schwierigkeit beinhaltet, dass sie rund ein Drittel der Spielzeit mit Online-Chat beschäftigt ist. Riemann meistert diese Hürde mit nuancierter Mimik und uneitler physischer Präsenz, während der Film um sie herum mit jeder Minute an Dynamik und Festigkeit gewinnt, und sein Ende in einem ermutigenden, aber keineswegs leichtfertig herbei bemühten Schlussbild findet.

Deutschland 2018, 109 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Marcus Richardt; Buch: Richardt, Thomas Grabowsky; Kamera: Wedigo von Schultzendorff; Besetzung: Katja Riemann, Nils Rovira-Munoz, Elisa Schlott, Jasmin Tabatabai.

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