Filmkritik zu „Skin“ von Guy Nattiv - mit Trailer

Ein Film, der unter die Haut geht : Die Gefahren des Ausstiegs aus der rechten Szene

✮✮✮✮ „Skin“ von Guy Nattiv: Beeindruckende Intensität und Präsenz.

Ein kahlgeschorener Mann wartet auf seine langwierige und schmerzhafte Tattooentfernung. Der Körperschmuck erzählt von seiner Lebensgeschichte, die sich einst dem Rassismus verschrieben hatte. Regisseur Guy Nattiv erzählt in seinem Drama „Skin“ die Geschichte eines Sinneswandels, die auf den Erfahrungen des ehemaligen US-Neonazis Bryon Widner basiert. Dessen Resozialisierung ist nicht nur an innere Einsichten gebunden, sondern geht mit dem schmerzvollen Akt der Entfernung seiner Körpermarkierungen einher.

Rückblenden entfalten Widners Einstieg in eine radikalisierte Szene, die sich als Clan organisiert und jede Aufnahme neuer Mitglieder mit brutalen Ritualen besiegelt. Er ist 14 Jahre alt, als ihn der „Vinlander Social Club“, eine Splittergruppe der berüchtigten „Hammerskins“, von der Straße aufliest.

Der Film beschreibt die Mechanismen, mit denen der Clan seine Verfügungsgewalt über die Mitglieder aufrechterhält. Die Vorsteher des Clans, Fred Krager (Bill Camp) und seine Ehefrau Shareen (Vera Farmiga), lassen sich mit „Ma“ und „Pa“ anreden. 

Für die jungen Rekruten, die meist aus kaputten Elternhäusern stammen, führt dies in Abhängigkeit und eine Brutalisierung. Wenn Shareen ihre „Söhne“ einkleidet, rasiert und auf den Mund küsst, spürt der Zuschauer dieselbe Bedrohlichkeit wie bei den unvermittelten Ohrfeigen, mit denen „Pa“ Fehlverhalten abstraft. Die scheinbare Fürsorge und die Gewalt ergänzen sich zu einem familienähnlichen System, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Jamie Bell spielt den erwachsenen Bryon Widner mit beeindruckender Intensität und physischer Präsenz. Es gelingt ihm, neben maßloser Wut eine Verletzlichkeit spürbar zu machen, die Widner zum Ausstieg aus der Szene gebracht hat. „Skin“ konzentriert sichauf eine außergewöhnliche Liebesgeschichte mit Julie (Danielle Macdonald), die der rechten Szene den Rücken gekehrt hat.

Ein Großteil des Films widmet sich dem Prozess des Ausstiegs. Die wichtigste Rolle für Widner spielt der schwarze Aktivist Daryle Jenkins (Mike Colter). Das von ihm ins Leben gerufene Resozialisierungsprogramm ermöglicht es jungen Menschen, eine lange Haftstrafe oder einen möglichen frühen Tod abzuwenden.

USA 2018, 118 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Guy Nattiv; Kamera: Arnaud Potier; Musik: Dan Romer; Besetzung: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Bill Camp.

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