Filmkritik zu "Gloria – Das Leben wartet nicht“ von Sebastián Lelio

Feel-Good-Film : Julianne Moore tanzt sich in die Herzen

✮✮✮✮ „Gloria – Das Leben wartet nicht“ von Sebastián Lelio: Grandioses Remake.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Regisseur das Remake seines eigenen Filmes inszeniert, so wie es der chilenische Regisseur Sebastián Lelio nun mit „Gloria“ getan hat. Aber im Gegensatz zum deutschen werden im amerikanischen Kino fremdsprachige Filme nicht synchronisiert und untertitelte Versionen nur von einem kleinen Publikum angenommen. Deshalb dreht man ausländische Erfolgsfilme in den USA einfach nochmal: in englischer Sprache, mit anderen Schauspielern und zumeist auch einem neuen Regisseur.

 Aber Lelio, dessen Film „Gloria“ 2013 mit internationalen Preisen überhäuft wurde, wollte das Heft für ein Remake nicht aus der Hand geben und erzählt den eigenen Stoff nun selbst noch einmal vor US-amerikanischer Kulisse. Das Vorhaben könnte man als überflüssige Wiederholungstat abtun – und würde einen Film von hinreißender Schönheit und Klarheit verpassen. Denn Lelio hat sich mit der wunderbaren Julianne Moore zusammengetan, die wie hinein geboren wirkt in die Rolle der Titelheldin.

Gloria ist eine geschiedene Frau von Mitte fünfzig. Die beiden erwachsenen Kinder führen ihr eigenes gestresstes Leben und lassen sich nur selten sehen. Ihren Job als Versicherungsagentin verrichtet Gloria mit professioneller Zuverlässigkeit. Sie hat Freundinnen, Kolleginnen, eine rüstige Mutter. Sie ist nicht einsam, aber öfter allein als ihr lieb ist. Abends vertreibt sie sich die Zeit in Clubs, wo sie zur Musik ihrer Jugend tanzt. Auf der Tanzfläche blüht Gloria auf. In den Bewegungen erkennt man die ganze Lebenslust, die in ihr leuchtet. „Sind sie immer so glücklich?“ fragt Arnold (John Turturro) sie an der Bar und scheint ihr mit seinen dunklen, melancholischen Augen direkt ins Herz zu schauen. Er ist seit einem Jahr geschieden und versucht sein Leben neu zu konfigurieren. Gloria lässt sich auf ihn ein, obwohl schon bald klar wird, dass sich Arnold aus seiner früheren Ehe und Familie noch nicht gelöst hat.

Dabei folgt ihr der Film immer auf Augenhöhe und stellt sich der emotionalen Komplexität einer Frau mittleren Alters, die ihre Erfahrungen gemacht hat und dem Leben dennoch mit großer Offenheit begegnet. Moore steuert diesen Balanceakt mit souveräner Sensibilität aus und hält mit ihrer leisen, aber bestimmten Präsenz die Spannung des Films in jeder Sekunde aufrecht. Lelio nähert sich seiner Titelfigur konsequent aus dem Alltag heraus an.

Auch wenn die Liebesgeschichte die Dramaturgie ankurbelt, ist sie nie die alleinige Antriebskraft. Vielmehr dient sie als Spiegel für die Qualitäten der patenten Heldin, deren Persönlichkeit in der scheiternden Romanze geschärft wird. Weit weg von allen Starke-Frauen-Klischees porträtiert „Gloria“ eine Mittfünfzigerin, die sich den Anfechtungen, aber auch allen Möglichkeiten ihres Lebens selbstbewusst stellt.

USA/Chile 2018, 102 Min, Camera Zwo (Sb); Regie: Sebastian Lelio; Buch: Lelio, Gonzalo Maza; Kamera: Natasha Braier; Musik: Matthew Herbert; Besetzung: Julianne Moore, John Turturro, Caren Pistorius, ­Michael Cera.

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