Filmkritik zu "Deutschstunde" von Christian Schwochow - mit Trailer

Literaturverfilmung mit Ulrich Noethen : „Deutschstunde“ auf der Leinwand

✮✮✮✮Verfilmung von Christian Schwochow: Offensive Werktreue mit filmischer Kraft.

„Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke der alten Bundesrepublik. Mit seinem 1968 erschienenen Roman begab sich Lenz gezielt an die Peripherie des Landes und erzählte vor der Kulisse eines nordfriesischen Küstendorfes von der Freundschaft eines Polizisten und eines Malers, die an der politischen Verhältnissen im Dritten Reich zerbricht. Überaus deutlich hatte Lenz die Figur des verfolgten Künstlers Nansen an den Maler Emil Nolde angelehnt, dessen Werke von den Nazis in großer Zahl als „entartete Kunst“ konfisziert wurden. Die Öffnung der Archive 2014 und die diesjährige Ausstellung im Hamburger Bahnhof brachten jedoch die unbequeme Wahrheit ans Licht: Nolde war ein bekennender Nationalsozialist und glühender Antisemit, der sich immer wieder dem Regime anzubiedern versuchte.

Nun bringt Christian Schwochow („Novemberkind“/„Bad Banks“) „Deutschstunde“ auf die Kinoleinwand und lässt sich von den aktuellen Diskussionen nicht beirren. Seine Adaption hält sich eng am Geist der Vorlage und verstärkt den exemplarischen Charakter der Erzählung. Allein die Uniform des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) scheint die Handlung im konkreten historischen Rahmen zu verorten. Noch stärker als der Roman konzentriert sich der Film auf die Erzählperspektive des elfjährigen Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter), dessen Vater auf dem nördlichsten Polizeistützpunkt des Landes seinen Dienst verrichtet und das Malverbot der Reichskulturkammer gegen den örtlichen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) überwachen soll.

Schwochow inszeniert die dramatischen Ereignisse in einem Dorf mit reduziertem Personalaufwand fast schon als Kammerspiel, um dann den scharf konturierten Charakteren und engen Innenräumen immer wieder gewaltige Landschafts- und Naturaufnahmen gegenüber zu stellen, welche die Geschehnisse metaphorisch reflektieren. Mit offensiver Werktreue und filmischer Kraft besteht Schwochow auf die exemplarische Fiktionalität des Stoffes und schirmt die Figur des Malers Nansen gezielt vom aktuellen Nolde-Diskurs ab. Trotzdem bleibt das vage Gefühl bestehen, dass unter der Oberfläche dieses Werkes ein anderer, möglicherweise interessanterer Film schlummert. Ein Film, der Emil Nolde als Opportunisten zeichnet, dessen Liebe zum Nationalsozialismus von der Obrigkeit nicht erwidert wurde. Ein Film, der das kühle Kalkül zeigt, mit dem sich der Maler nach dem Krieg als Opfer inszenierte, und die Bereitwilligkeit, mit der die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft, und auch Siegfried Lenz, diese Legendenbildung akzeptierte.

D 2019, 125 Min., Filmhaus (Sb); Regie: Christian Schwochow; Buch: Heiode Schwochow; Kamera. Frank Lamm; Musik: Lorenz Dangel; Besetzung: Levi Eisenblätter, Tobias Moretti, Ulrich Noethen, Maria Dragus.

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