Ein FIlm über ein Kind, dass sehnsüchtig seine Mutter zurück haben will

Neu im Kino : Eines Mädchens Schrei nach Liebe

✮✮✮✮ „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt: Debüt über ein Kind, das durch alle Raster fällt.

„Ist Sicherheitsglas“ sagt der Erzieher, um seine Kollegen zu beruhigen. Draußen auf der anderen Seite wütet Benni (Helena Zangel). Gerade ist sie dabei den ganzen Bestand an Bobby-Cars gegen die Scheibe zu schleudern. Pure, unbändige Wut durchflutet das neunjährige Mädchen. Dabei setzt sie eine Energie und Ausdauer frei, wie sie eben nur ein Kind mit seiner ungebremsten Emotionalität aufbringen kann. Nach etwa einem Dutzend Bobby-Car-Würfen splittert die Scheibe. Auch die Sicherheitsverglasung ist Bennis Aggressivität nicht gewachsen genauso wenig wie das staatliche Betreuungssystem. Die zuständige Sozialarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmiede) weiß nicht mehr weiter. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule – überall fliegt Benni nach kürzester Zeit wieder raus. Denn Benni will nur eins: wieder bei ihrer Mutter wohnen. Schließlich schleppt Frau Bafané den Anti-Gewalttrainer Micha (Albrecht Schuch) an, der normalerweise mit straffälligen Jugendlichen arbeitet. Er nimmt Benni mit in eine Hütte im Wald. Kein fließend Wasser, kein Strom, keine Reize, nur Natur. Hier kommt das Mädchen endlich zur Ruhe und lernt nach einigen Machtkämpfen ihrem Betreuer als verlässliche Bezugsperson zu vertrauen.

„Systemsprenger“ nennt Nora Fingscheidt ihr fulminantes Regiedebüt, das bei der diesjährigen Berlinale mit dem silbernen Bären ausgezeichnet wurde und nun für Deutschland ins Oscar-Rennen geht. Der Begriff kommt aus der Sozialpädagogik und bezeichnet Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer Aggressivität durch alle Raster des staatlichen Betreuungssystems fallen. Mit der fabelhaften Hauptdarstellerin Helena Zangel gelingt es Fingscheidt nicht nur die Sprengkraft eines solchen Kindes zu zeigen, sondern vor allem auch die enorme Lebensenergie und tiefe Not, die hinter der aggressiven Auflehnung steckt. Mit jeder Faser ihres Seins scheint sich Benni nach einer festen Bezugsperson zu sehnen, die ihre Mutter nicht mehr sein kann. Gleichzeitig sind die frühkindlichen Gewalt- und Verlusttraumata so groß, dass sie jedem Hilfsangebot mit misstrauischer Aggressivität begegnet.

Die Energie der jungen Systemsprengerin treibt den Film dynamisch voran, der aber auch immer wieder Momente von herzzereißender Ruhe und Nähe findet. Als Micha mit Benni einen Berg besteigt, fordert er sie oben auf das Echo auszuprobieren. „Mama“ ruft das Mädchen immer wieder in den Wald hinein und in ihrer machtvollen Stimme hört man die ganze Sehnsucht, Wut, Kraft und Verzweiflung eines liebesbedürftigen Kindes widerhallen.

Deutschland 2019, 125 Min., Filmhaus (Sb); Regie und Buch: Nora Fingscheidt; Kamera: Yunus Roy Imer; Musik: John Gürtler; Besetzung: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister.

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