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Die Dokumentation „Oeconomia“ von Carmen Losmann startet in den Kinos

Jetzt im Kino : Simple Frage – komplizierte Antwort

✮✮✮✮ Neu im Kino: „Oeconomia“ von Carmen Losmann: Dokumentation über das Geldsystem.

Wie entsteht Geld? Die Frage ist so simpel, dass die Antwort nur kompliziert ausfallen kann. Carmen Losmann, die 2011 mit „Work Hard Play Hard“ einen gleichermaßen profunden wie kontrovers diskutierten Dokumentarfilm zum Arbeitsmarkt drehte, legt nach dreijährigen Recherchen eine Filmarbeit vor, deren Erkenntniswert auf vielfältige Weise verstören kann.

Die erste ausgehende Beobachtung ist, dass Wirtschaftsleistung und Verschuldung seit Jahren steigen und damit die Kluft zwischen Arm und Reich beständig wächst. Damit beginnt Losmanns Eintauchen in die Materie des Geldsystems, in dessen Folge sie mit Volksökonomen der Europäischen Zentralbank, von DAX-Unternehmen und einer der weltgrößten Investmentgesellschaften sprechen wird.

Der Film dokumentiert dabei akribisch den Weg zu mehr Erkenntnisgewinn. Dazu gehört erstaunlich oft auch, dass bekräftigte Gesprächstermine plötzlich verkürzt oder ganz abgesagt werden oder dass Fragestellungen nicht mehr genehm sind und insofern inhaltliche Einflussnahme stattfindet. Was verblüfft, denn eigentlich geht es um Erkenntnisse wie diese: „Die Wirtschaft wächst, wenn Kredite vergeben werden.“ Und: „Kredite werden vergeben, wenn die Wirtschaft wächst.“ Was keineswegs das gleiche beinhaltet.

Wurde eine These bekräftigt, schreibt Losmann diese in den Computer, danach taucht der Cursor tiefer in eine Matrix ein, wo sich neue Fragen mit neuen Gesprächspartnern eröffnen. Die Visualisierung dazu scheint postmodernen Science-Fiction-Szenarien entlehnt. Losmann zeigt Banken als Architektur von Macht und Unnahbarkeit. Die Männer darin tragen Anzug und Krawatte, die Frauen Kostüm und Pumps, und alle führen sie Aktenköfferchen mit sich. Die Menschen vor den Gebäuden verrichten sogenannte niedere Arbeiten; putzen, fegen, inspizieren Mülleimer. In der Matrix erhöht sich derweil die Zahl der Reiz- und Stichworte. Immer tiefer dringt Losmann vor, aber neue Erkenntnisse findet sie immer weniger. Am letztgültigen grafischen Ansatzpunkt meldet der Computerbildschirm, dass keine weitere Vergrößerung mehr möglich ist.

So endet der Film nach knapp anderthalb Stunden mit durchaus streitbarer Sicht auf die Wirtschaft. Denn Losmann hat bestimmte Theorien für sich als schlüssig begriffen und darauf ihren Film aufgebaut. Geld als konkretes Tausch- und Belohnungsmittel zwischen Gütern und Dienstleistungen spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle.

„Oeconomia“ ist ein Film über Buchgeld, dessen Entstehung und Vernichtung mittels einer Tastatur. Der Film bekräftigt Vorurteile, positive wie negative, arbeitet im Sinne größtmöglicher Verständlichkeit und schafft damit auch für Laien Diskussionsspielraum. Mehr geht wohl nicht.

D 2020, 89 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Carmen Losmann; Buch: Carmen Losmann; Kamera: Dirk Lütter; Musik: Peter Rösner; Schnitt: Henk Drees, Carmen Losmann.