1. Leben
  2. Treff Region
  3. Kino

„Der Unsichtbare“ von Leigh Whannel mit Elisabeth Moss - mit Trailer

Psychoterror : Der Horror in den eigenen vier Wänden

✮✮✮✮ „Der Unsichtbare“ von Leigh Whannel: Psychothriller mit überragender Besetzung.

Plötzlich ist da dieses fiese Kribbeln und die Nackenhaare stellen sich auf. Cecilia fährt herum und sieht – nichts. Trotzdem fühlt sie, dass sie nicht allein in der Wohnung ist. Sie behält Recht damit, denn Adrian Griffin ist nicht der Mann, der es ungeschehen hinnimmt, dass ihm die Frau wegläuft.

Mit dieser Flucht beginnt die jüngste Regiearbeit von Leigh Whannell, der sich mit „Insidious 3“ und „Upgrade“ als erstaunlich effektsicheres Regietalent der Horrorschmiede Blumhouse entpuppte. Mit der drastisch modernisierten Neudeutung des gleichnamigen Romans von Herbert George Wells aus dem Jahre 1897 legt er eine der interessantesten und intelligentesten Neuverfilmungen der letzten zehn Jahre vor.

Es beginnt damit, dass eine junge Frau vorsichtig aus dem Bett schlüpft. Der Mann neben ihr schläft tief und fest, Sicherheit, aber kann es bei Adrian Griffin nie geben. Deshalb ist Cecilia auf äußerste Vorsicht bedacht, um nur ja keinen Laut zu verursachen, der ihren Versuch zu entkommen verraten könnte. Diese Fluchtsequenz ist dank superber Kamerawinkel und einer gewohnt konzentriert agierenden Elisabeth Moss ein echtes Juwel psychologischer Spannungsführung. Und dabei weiß man zu diesem frühen Zeitpunkt noch gar nicht, mit wem man es zu tun hat und worauf alles hinauslaufen wird.

Cecilia findet Unterschlupf bei einem befreundeten Polizisten und seiner Tochter, aber es wird nicht lange dauern, bis ein nicht zu fassender Terror Cecilia an den Rand des Verstandes treiben wird. Offenbar hat Adrian einen Weg gefunden, sich unsichtbar zu machen. Wem aber kann man diesen Verdacht erzählen, ohne dafür gleich als verrückt abgestempelt zu werden?

Es ist über ganze Sequenzen hinweg kaum zu fassen, wie dicht dieser Film die Geschichte einer eskalierenden (und höchst begründeten) Paranoia in Szene setzt. Es zeigt sich einmal mehr, dass eine exzellente Schauspielkraft (Elisabeth Moss kam durch ihre Auftritte in den Serien „Mad Men“ und „A Handmaid’s Tale: Der Report der Magd“ zu Weltruhm) ungleich wirkungsvoller fürs Spiel mit den Emotionen ist als ein noch so aufwändig betriebenes Feuerwerk der Effekte. Die sind hier knapp, aber immens effektiv eingesetzt und halten die Spannung auch dann hoch, wenn der Nervenkitzel sich zusehends aufs Senatsionenelle ­verlagert. Zwar gibt es auch hier vereinzelte Ungereimtheiten und Grobheiten im Drehbuch, aber sie schmälern den Gesamteffekt des Films kaum. Leigh Whannells Vision vom Unsichtbaren erklimmt auf ihre Weise einen klassischen Status wie ihn zuvor nur James Whales Ur-Film von 1933 mit Claude Rains ­innehatte. Ganz große Klasse.

USA 2020; Regie, Drehbuch: Leigh Whannell; Kamera: Stefan Duscio; Musik: Benjamin Wallfisch; Darsteller: Elisabeth Moss, Oliver Jackson-Cohen, Aldis Hodge, Michael Dorman