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Der Paranoia-Thriller „Exil“ von Visar Morina startet in den Kinos

Jetzt im Kino : Tote Ratte, hochgeklappte Klobrille

✮✮✮✮ Neu im Kino: „Exil“ von Visar Morina: Paranoia-Thriller zum Thema Ausgrenzung.

Alles fängt mit einer toten Ratte an. Die hängt am Gartentor. Dahinter steht das Reihenhaus, das Xhafer (Mišel Maticevic) mit seiner Frau Nora (Sandra Hüller) in einer bürgerlichen Siedlung am Rande einer namenlosen deutschen Stadt bewohnt. Xhafer stammt aus dem Kosovo und wirkt geradezu vorbildlich integriert: deutsche Ehefrau, drei Töchter, gut bezahlter Job in einem Pharmaunternehmen, Eigenheim mit Vorgarten – deutscher geht es eigentlich kaum.

Aber mit dem Kadaver am Tor wächst der Zweifel am eigenen Angekommensein. Der Verdacht liegt nahe, dass einer der Kollegen ihm das tote Labortier in den Eingang gehängt hat. Die Anzeichen, dass er am Arbeitsplatz subtil gemobbt wird, scheinen sich zudem täglich zu häufen. Immer wieder fliegt er aus dem E-Mail-Verteiler raus. Allein wartet er im Konferenzzimmer, weil ihm die Raumänderung nicht mitgeteilt wurde. Ein Kollege (Rainer Bock) zögert die Rückgabe von Datensätzen gezielt heraus. Ein Anderer, mit dem er lange Zeit Tisch an Tisch gearbeitet hat, wechselt ohne Erklärung ins Großraumbüro. Kleinigkeiten, die jedem passieren, aber auch Ausdruck von Ressentiments sein könnten.

Öffnet sich der Blick für die alltäglichen Mikroaggressionen erst einmal, ist der freie Fall in das Gefühl allgegenwärtiger Diskriminierung programmiert. Sogar von seiner Frau fühlt sich Xhafer hintergangen. Die hochgeklappte Klobrille ist für ihn ein sicheres Indiz dafür, dass Nora Herrenbesuch empfängt. Im Gewand eines Paranoia-Thrillers geht Visar Morina in „Exil“ dem langsam wachsenden Gefühl der Ausgrenzung nach. Mit genauem Blick und aus der subjektiven Perspektive eines scheinbar vollkommen integrierten Einwanderers zeigt der Film die kleinen alltäglichen Nadelstiche des Rassismus, deren Auswirkungen sich in der Seele des Betroffenen immer mehr verselbständigen.

Geradezu haptisch inszeniert Morina dieses zunehmende Gefühl der Verengung. Die sommerliche Hitze liegt schwer über den Bildern. Die langen Gänge der Pharmafirma werden zum kafkaesken Labyrinth. Wenn die Mitarbeiter in der Betriebsversammlung den integrierten Kollegen aus dem Kosovo beklatschen, wirkt das wie eine Szene aus „Rosemary‘s Baby“.

Gerade weil Xhafer nicht als Sympathieträger angelegt ist und sich somit dem paternalistischen Mitleidsblick entzieht, folgt man seiner Wahrnehmung umso genauer und wird mit ihm in plötzliche Plotwendungen hineingezogen. Dass der Film am Ende in einem streitbaren Wendemanöver die eigene subjektive Herangehensweise noch einmal auf den Kopf stellt, verlängert das Konzept der produktiven Irritation noch über den Kinobesuch hinaus.

D/Bel/Kosovo 2019, 121 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Visar Morina; Kamera: Matteo Cocco; Musik: Benedikt Schiefer; Besetzung: Misel Maticevic, Sandra Hüller, Rainer Bock, Thomas Mraz.