Jetzt im Kino Werksgetreue Adaption eines Klassikers

✮✮✮ Neu im Kino: „David Copperfield“ von Armando Ianucci: Diskussionswürdiges Experiment.

 Nahuel Pérez Biscayart in der Rolle des Gilles.

Nahuel Pérez Biscayart in der Rolle des Gilles.

Foto: Alamode Film

David kommt an einem Freitag um 12 Uhr in einem Landhaus zur Welt, das Krähenhorst heißt, obwohl das Gebäude keinerlei Türme aufweist, in denen Krähen hätten nisten können. Da der Vater noch vor der Geburt des Knaben stirbt und die Mutter den amourösen Ränken des gewissenlosen Fabrikanten Murdstone erliegt, muss David in jungen Jahren in die Welt hinaus. So steht es – in weit ausführlicherer Form – geschrieben in der literarischen Vorlage aus der Feder von Charles Dickens, die diesem Film zugrunde liegt.

„David Copperfield“ ist ein klassischer Bildungsroman englischer Prägung mit einem Helden, dem eigentlich ein sorgenfreies Schicksal in die Wiege gelegt scheint. Dann aber beginnen sich die Wolken zu verdunkeln und es setzt ein sozialer Abstieg ein, der zur Bekanntschaft unterschiedlichster Figuren führt. Am Ende wenden die Dinge sich zum Guten und der Held, gestählt in den Prägestätten des Charakters und auf den Schulbänken des Lebens, hat sich als guter Mensch bewährt und darf das Leben fortan auf der Sonnenseite genießen; hier als Familienvater und erfolgreicher Schriftsteller.

Charles Dickens schrieb „David Copperfield“ nicht unwesentlich auf der Grundlage eigener Kindheits- und Jugenderfahrungen. Im angelsächsischen Sprachraum genießt der Roman höchste Wertschätzung, im Kino wurde ihm 1935 mit George Cukors Meisteradaption ewige Ehre zuteil. In der Folge aber rutschte „David Copperfield“ in der Popularitätsskala hinter die häufiger verfilmten „Oliver Twist“ und „Große Erwartungen“. Der neue Film wird das schwerlich ändern, was nicht am Dickens-Duktus des 19. Jahrhunderts liegt, sondern am Diversitätsbestreben des frühen 21. Jahrhunderts. Regisseur Armando Ianucci („Death of Stalin“) verfasste das Drehbuch gemäß bewährter BBC-Schule als zweistündigen Husarenritt durch den Roman und schafft es tatsächlich, fast alle wesentlichen Figuren und Stationen in den Film zu pressen. Dass manches zu gedehnt und anderes zu verkürzt erscheint, ist Geschmackssache. Grundsätzlich ist dies eine werkgetreue Adaption, die auch in der Besetzung erstaunliche Nähe an die Phiz-Illustrationen erreicht. Jedoch, die Titelrolle wurde mit einem Inder besetzt, Agnes hat nun dunkle Hautfarbe, ebenso wie Davids Neffe Ham und die Mutter von Davids Studienfreund Steerforth, und Anwalt Wickfield ist nun ein Asiate. Augenscheinlich wurde für eine faire Verteilung keine Ethnie ausgelassen. Warum dieses Experiment ausgerechnet an einem Werk von viktorianischer Prägung vorgenommen wurde, bleibt ein Rätsel, der künstlerische Wert daraus ist gelinde ausgedrückt diskussionsbedürftig

GB/USA 2019, 119 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Armando Iannucci; Kamera: Zac Nicholson; Musik: Christopher Willis; Besetzung: Dev Patel, Hugh Laurie, Tilda Swinton, Peter Capaldi.

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