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Der Film „Atlas“ von David Nawrath erzählt Vater-Sohn-Geschichte in den Kinos

Kino-Tipp : Die ganze Welt lastet auf seinen Schultern

✮✮✮✮✮ „Atlas“ von David Nawrath: Spannende und brillant gespielte Vater-Sohn-Geschichte.

Die Tätowierung auf dem Oberarm wirkt schon ein wenig ausgebleicht. Sie zeigt den griechischen Titanen Atlas, der sich die ganze Welt auf seine Schultern geladen hat. Wahrscheinlich dachte Walter (Rainer Bock), als er in jungen Jahren das Bild in seiner Haut verewigen ließ, dass er alle Lasten des Lebens stemmen könne.

Walter war einmal Gewichtheber. Auch mit 60 nimmt der Möbelpacker noch einen Kleiderschrank allein auf den Rücken. Aber sein Blick wirkt scheu, die Haltung geduckt. Walter will vor allem eins: keinen Ärger. Zwangsräumungen sind die Haupteinnahmequelle des Speditionsunternehmens, für das er stoisch schuftet.

Aber dann erkennt Walter ein bekanntes Gesicht: Es ist sein Sohn Jan (Albrecht Schuch), den er seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hat und der sich per Gerichtsbeschluss der Räumung entzieht. Die junge Familie ist die letzte, die noch in dem Frankfurter Mietshaus wohnt, das von einem kriminellen Clan gekauft wurde und nun entmietet werden soll. Walter gibt sich nicht zu erkennen, aber er fängt an, etwas zu tun, dass er sein ganzes Leben lang vermieden hat: Er mischt sich ein.

Ein starker, gebrochener Mann, der sich still wieder aufrichtet, steht im Zentrum von David Nawraths herausragenden Spielfilmdebüt „Atlas“. Der wunderbare Rainer Bock bringt eine ruhige und klare körperliche Präsenz in die Rolle des Möbelpackers, der sich langsam aus der selbst gewählten Isolation herausarbeitet und seine väterlichen Verantwortungsgefühle hervorholt. Zu sehen, wie Bock die Figur Schicht um Schicht allmählich aufbricht, ist gerade aufgrund der limitierten verbalen Möglichkeiten ein  unglaublich spannendes Erlebnis.

Aber „Atlas“ lebt nicht allein von seinem Hauptdarsteller. Mit einem äußerst präzisen Erzählstil baut Nawrath seine Vater-Sohn-Geschichte auf, reichert sie mit Versatzstücken  aus dem Gangsterfilm an und verortet seinen Film im hochaktuellen politischen Kontext großstädtischer Gentrifizierung.

Das alles gelingt ihm mit großer sozialer Authentizität und Figuren, die bis in die kleinste Nebenrolle hinein vollkommen glaubwürdig wirken. Aus den sorgsam gestalteten Charakteren und ihren unerwarteten Entscheidungen ergeben sich die Plotwendungen, die die ruhige Spannung des Filmes bis zum Schluss aufrecht erhalten.

Deutschland 2018, 100 Min.; Regie und Buch: David Nawrath; Kamera: Tobias von dem Borne; Musik: Enis Rotthoff; Besetzung: Rainer Bock, Thorsten Merten, Uwe Preuss, Albrecht Schuch.