Biopic über die Vergangenheit des deutschen Rock-Musikers

Udo Lindenberg : Wenn die Abwege in die richtige Richtung zeigen

✮✮✮✮ „Lindenberg! Mach Dein Ding“ von Hermine Huntgeburth: Liebevolles Biopic über den jungen, halsstarrigen Udo.

„Wir Lindenbergs werden Klempner, und sonst nichts“, sagt der Vater zum Sohn, während er am rostigen Abfluss herum schraubt. Der Junge hat Flausen im Kopf, spielt Schlagzeug, will als Kellner und womöglich sogar als Musiker in die weite Welt hinaus. Udo heißt der ambitionierte Knabe, der mit 36 Studio-Alben und 4,4 Millionen verkauften Tonträgern zum wichtigsten deutschen Rockmusiker aufsteigen wird.

Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, dessen erste mühsamen Jahre Hermine Huntgeburth nun in ihrem liebevollen Biopic „Lindenberg! Mach dein Ding“ vermisst. Als der blutjunge Udo (Jan Bülow) verkündet, dass er Rockmusik mit deutschen Texten machen will, schauen ihn alle mitleidig an. Nur Schlager-Fuzzis singen auf Deutsch und die sind der Inbegriff des spießigen Wirtschaftswundermiefs. Auch wenn der Erfolg zunächst ausbleibt – das wilde Leben und die großen Träume, die aus ihm erwachsen, sind schon da: lange Nächte in St.Pauli, verrauchte Kneipen, Alkohol ohne Ende, Huren mit Herz, Zuhälter mit Pelzmänteln, Wohngemeinschaften, in denen es drunter und drüber geht. Vieles davon wird sich später in Lindenbergs Liedtexten wiederfinden.

Aber zunächst geht es ans schnöde Geldverdienen als Schlagzeuger in einer Band, die in Libyen die dort stationierten US-Streitkräfte belustigen soll. Als der Inhaber des Lokals den Drummer auffordert, seinen eigenen Song zu singen, werfen die besoffenen GIs mit Flaschen. Udo flüchtet schwer traumatisiert mit der Schnapsflasche in die libysche Wüste. Die verstörende Erfahrung wird zunächst zur Blockade und später zum Antrieb von Lindenbergs Musikerkarriere. Als er sein erstes erfolgreiches Album „Andrea Doria“ 1974 mit dem Panikorchester in der vollbesetzten Hamburger Musikhalle vorstellen soll, fällt Udo sturztrunken die Treppe auf der Bühne hinunter.

Aber am Boden liegend greift er nach dem Mikrofon und fängt an zu singen. Der Rest ist Legende. Huntgeburths „Lindenberg! Mach dein Ding“ fokussiert sich auf die jugendliche Halsstarrigkeit, mit der der junge Lindenberg seinen Lebenstraum und die eigenen künstlerische Vorstellungen vorangetrieben hat. Das wird jedoch nicht als „Triumph des Willens“ verkauft. Vielmehr zeigt der Film die stille Kraft, die im Mäandern liegt.

Denn es sind oft die Abwege, die dem suchenden Udo die richtige Richtung weisen. Zu diesem Selbstfindungsprozess gehört allerdings auch eine Zeit, die solche Freiräume zulässt. Huntgeburth inszeniert die 70er nicht als verklärtes Hippie-Paradies, sondern als eine Ära, die mit ihrer politischen, kulturellen und sexuellen Aufbruchstimmung viele Abwege angeboten hat – bis man irgendwann bereit war, sein eigenes „Ding“ zu machen.

Deutschland 2019, 135 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Hermine Huntgeburth; Buch: Rümelin, Lyra, Wehlings; Kamera: Sebastian Edschmid; Musik: Oliver Biehler; Besetzung: Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben, Charly Hübner, Julia Jentsch.