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Bewegende Liebesgeschichte „Wir beide“ von Filippo Meneghetti im Kino

Neustart : Viel zu spät ans Licht gewagt

✮✮✮✮ Neu im Kino: „Wir beide“ von Filippo Meneghetti: Eine bewegende Liebesgeschichte.

Ihre Wohnungen liegen im obersten Stockwerk einander gegenüber. Die Türen stehen oft offen. Die beiden älteren Damen leben in guter Nachbarschaft und verbringen viel Zeit miteinander.

Dass Nina (Barbara Sukowa) und Madeleine (Martine Chevallier) weit mehr verbindet, soll niemand wissen. Seit vielen Jahren halten die beiden Frauen ihre Liebe geheim. Madeleine war lange unglücklich verheiratet und hat den familiären Schein nur wegen der Kinder aufrecht erhalten. Nach dem Tod ihres Mannes wollen die beiden nun gemeinsam nach Rom ziehen.

Aber als Madeleine Tochter und Sohn zum Kaffee eingeladen hat, um das Geheimnis zu lüften, bekommt sie wieder kein Wort heraus. Denn mit dem Bekenntnis zu ihrer lesbischen Liebe muss sie das ganze familiäre Lügengebäude der letzten Jahrzehnte zum Einsturz bringen.

Und dann ist es von einem Tag auf den anderen zu spät für Offenbarungen. Madeleine erleidet einen schweren Schlaganfall, der ihr Sprachzentrum trifft. Die Ärzte, ihre Tochter, die Hauskrankenschwester bestimmen nun über sie und Nina wird aus dem Leben Madeleines ausgesperrt.

In seinem Regiedebüt „Wir beide“ erzählt der italienische Regisseur Filippo Meneghetti eigentlich eine klassische Coming-Out-Geschichte, wie sie sonst eher jüngeren Figuren vorbehalten ist. Aber hier werden die Vorzeichen umgekehrt. Nicht die Eltern sind es, vor denen die eigene Homosexualität geheim gehalten wird, sondern die erwachsenen Kinder.

Regisseur und Mitautor Meneghetti zeigt die Liebe der beiden Seniorinnen zunächst als in sich ruhende Beziehung, die nur für sich und nicht für die Außenwelt existiert. Das Konzept der Abkapselung scheint für die beiden zur zweiten Natur geworden zu sein und kommt durch Madeleines Schlaganfall an seine Grenzen.

Barbara Sukowa und Martine Chevallier geben ein absolut glaubwürdiges Liebespaar ab, das trotz verschiedener Temperamente tief verbunden ist. Die beiden Schauspielerinnen halten den Film zusammen genauso wie die entspannte Filmsprache, die dramatische Ereignisse über Bande anspielt, Bildern mehr traut als Dialogen und viel über Raumgefühl und Blickwechsel erzählt. Ein bewegendes, aber nie sentimentales Drama über die Liebe zweier betagter Frauen, die sich viel zu spät ans Licht wagt.

F/Lux/Bel 2019, 96 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Filippo Meneghetti; Buch: Meneghetti, Malysone Bovorasmy; Kamera: Aurélien Marra; Musik: Michele Menini; Besetzung: Barbara Sukowa, Martine Chevallier, Léa Dreucker, Jérome Varanfrain.