"1917" ist ein großer Anwärter auf einen heißbegehrten Oscar-Preis

Oscar-Nominierung : Das Genre des Kriegsfilms neu definiert

✮✮✮✮✮ „1917“ von Sam Mendes: Brillant inszeniert – die subjektive Kamera wird zum Gefährten der jungen Soldaten.

Es ist April und der nahende Frühling ist schon zu spüren. Nahezu idyllisch wirkt das Bild der Soldaten, die sich auf einer Wiese hinter der Front ausruhen. Dann kommt der Befehl: Blake (Dean-Charles Chapman) soll sich einen Kameraden aussuchen und ins Hauptquartier kommen. Nur ein kurzes Nicken und Schofield (George MacKay) erhebt sich aus dem Gras, um dem Freund zu folgen. Genauso wie die Kamera, die die beiden die nächsten zwei Kinostunden nicht mehr aus den Augen lassen wird und mit ihnen in ein riesiges Labyrinth aus Schützengräben eintaucht.

Es ist das Jahr 1917 an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Die britische Armee bereitet gerade einen Angriff vor, als die Nachricht der Flugaufklärung kommt, dass die Deutschen sich aus den Gräben zurückgezogen haben, um die Gegner an anderer Stelle in eine Falle laufen zu lassen.

Ein Bataillon von 1600 britischen Soldaten, darunter auch Blakes Bruder, wird in den tödlichen Hinterhalt geraten, wenn die beiden den Befehl zum Rückzug nicht rechtzeitig überbringen. Blake und Schofield machen sich auf den Weg durch die Gräben und steigen schließlich die Leiter hinauf ins Niemandsland. Abgebrannte Bäume, halbverweste Pferdekadaver, riesige Schlammlöcher, in denen die Leichen übereinander liegen und vom Morast kaum zu unterscheiden sind.

Noch gespenstischer wirken die verlassenen gegnerischen Stellungen, die zu riesigen unterirdischen Festungen ausgebaut wurden. Und das ist erst der Beginn einer zweistündigen Reise, auf die sich die Boten in größte Gefahr begeben.

Mit „1917“ definiert Sam Mendes das Genre des Kriegsfilmes neu, weil er das Geschehen nicht nur narrativ, sondern auch visuell ganz und gar aus der Ich-Perspektive der Soldaten erzählt. Die Kamera wird zum dritten Gefährten, geht mal ein paar Schritte voraus, fällt dann wieder zurück, springt sogar mit dem flüchtenden Schofield durch ein Kellerfenster, um sich in Sicherheit zu bringen – und das alles ohne einen sichtbaren Schnitt.

Mendes und sein Kameramann Roger Deakins haben die ganzen zwei Kinostunden in einer einzigen Plansequenz konzipiert. Das ambitionierte, visuelle Konzept ist weit mehr als eine cineastische Spielerei und führt zu einer eindringlichen, gefühlten Nähe zu den Figuren, wie man sie im Kino nur selten erlebt. Da kann auf pazifistische Alibi-Botschaften getrost verzichtet werden. Das brillant inszenierte, subjektive Erleben des Krieges aus der Soldatenperspektive reicht hier als politisches Statement vollkommen aus.

USA/GB 2019, 119 Min.; Regie: Sam Mendes; Buch: Mendes, Krysty Wilson-Cairns; Kamera: Roger Deakins; Musik: Thomas Newman; Besetzung: Dean-Charles Chapman, George MacKay, Daniel Mays, Colin Firth, Pip Carter, Andy Apollo, Paul Tinto, Josef Davies.