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Feuriges Finale: Titan: Der eiskalte Zwilling der Erde

Feuriges Finale : Titan: Der eiskalte Zwilling der Erde

An diesem Freitag endet die Mission der Saturnsonde Cassini. Sie hat das Bild der Planetenforscher vom Saturn völlig verändert. Nach ihren Messwerten könnte es auf dem Mond Titan sogar Leben geben.

Flüsse und Seen, Regen und Schnee – das mache die Erde im Sonnensystem zu einer einzigartigen Erscheinungen, dachten die Planetenforscher lange Zeit. Sie irrten sich. Fern von der wärmenden Sonne kreist der Mond Titan um den Riesenplaneten Saturn, der zumindest in einer Hinsicht erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Erde hat.

Der Ringplanet Saturn ist 1,4 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt, sein Mond Titan umkreist ihn in 1,2 Millionen Kilometer Abstand. Er hat einen Durchmesser von 5150 Kilometern, ist damit größer als der Erdmond, aber kleiner als der Planet Mars. Die Titan-Atmosphäre besteht hauptsächlich aus Stickstoff und Methan, auch Kohlenwasserstoffe wurden gefunden. Der Luftdruck an der Oberfläche ist um die Hälfte höher als auf der Erde.

Eines ziemlich fernen Tages könnte ein Astronaut an einem orange-braunen Strand auf diesem Saturnmond ein beinahe vertraut wirkendes Schauspiel betrachten. Zu seinen Füßen liegen Knollen, die wie Kiesel in irdischen Flüssen aussehen. Am Horizont des mehrere hundert Meter tiefen Meeres vor ihm sind von Zeit zu Zeit Eisberge zu sehen. Hinter dem Astronauten erstreckt sich ein Dünenfeld bis zu den im Nebel liegenden Bergen und Vulkanen. Fast wirkt die Szene wie die Morgen- oder Abenddämmerung auf der Erde, würde das Thermometer nicht minus 180 Grad Celsius anzeigen. Die Kiesel bestehen aus einem tiefgefrorenen Eis, das so hart wie Beton ist. Dünen und Meer sind aus Methan, das auf der Erde als der wesentliche Bestandteil von Erdgas bekannt ist.

Im Januar 2005 gelang der europäischen Raumsonde Huygens die erste Landung auf Titan. Sie setzte wahrscheinlich in einem ehemaligen Flussbett auf. Wenige Monate später zeigten Radar- und Infrarotmessdaten ihrer im Orbit kreisenden Muttersonde Cassini, dass es in den polaren Regionen des Titan große Methan-Seen gibt. Methan kommt auf der Erde in der Regel als Gas vor. Nur unter den speziellen Druck- und Temperaturverhältnissen am Grund der Ozeane in mehreren tausend Meter Tiefe kann es als Methanhydrat in fester Form existieren. Auf der Titan-Oberfläche dagegen kann Methan, genauso wie Wasser auf der Erde, überall fest wie Eis, flüssig und gasförmig vorkommen.

Nach den Berechnungen einer Wissenschaftlergruppe um den Planetenforscher Benjamin Charnay von der Université Pierre et Marie Curie in Paris ist das jedoch verwunderlich. Denn eigentlich müsste die UV-Strahlung der Sonne das Titan-Methan längst zerlegt haben. Binnen zehn Millionen Jahren sollte der gesamte Titan-Vorrat in Wasserstoff und Acetylen zerfallen sein. Nach den Raumsonden-Messungen kann davon jedoch keine Rede sein.

Da sorgte eine Theorie für Aufsehen, die der an der Auswertung der Cassini-Daten beteiligte Planetenforscher Roger Clark vom Geologischen Dienst der USA aufstellte. Danach könnten außerirdische Organismen für einen Methan-Kreislauf auf Titan sorgen, der die Konzentration konstant hält.

Wenn sich Bakterien von den in der Hochatmosphäre erzeugten Methan-Spaltprodukten Wasserstoff und Acetylen ernähren und ähnlich wie die Ur-Bakterien auf der Erde Methan als Stoffwechselprodukt ausscheiden, dann wäre der Kreislauf geschlossen. Auch andere Forscher, wie der deutschstämmige Geologe Dirk Schulze-Makuch von der Washington State University, halten die Theorie für möglich.

 Schulze-Makuch hat unlängst einen natürlichen Asphalt-See auf Trinidad untersucht. Dabei stieß er auf eine Vielzahl unbekannter Pilze und Archae-Bakterien, die mit extrem wenig Wasser auskommen und ein eigenes kleines Ökosystem bilden. Mit Ausnahme der Temperaturen ähnelten die chemischen Bedingungen im Asphalt-See möglicherweise denen auf Titan. Das bestätigen auch Simulationen präbiotischer Reaktionen in einer Titan-Atmosphäre, die ein Team um Biochemikerin Paulette Clancy der Cornell-University Ithaca durchführte.  Eine solche organische Chemie auf Titan wäre allerdings zweifellos extrem komplex, schreibt Clancy.

Eine neue, unbemannte Raumsondenmission zum Saturnmond steht inzwischen ganz weit oben auf der Wunschliste der Wissenschaftler. Bemannte Missionen sind allerdings auf Jahrzehnte hinaus kein Thema. Für Astronauten wäre der Aufenthalt auf Titan ohnehin extrem gefährlich. Denn jedes Leck in ihrem Raumanzug würde innerhalb von Sekunden eine gefährliche Mischung aus dem Sauerstoff ihrer Atemluft mit dem Methan der Titan-Atmosphäre erzeugen. Die Folge wäre eine Explosion.