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Stress und Streit in der Pubertät: So gehen Eltern am besten damit um

Hilfe, Pubertät! : Wenn das Teenager-Hirn zur Großbaustelle wird

Risikobereit, impulsiv und stets zu Widerstand bereit – typisch Pubertät. Die Botschaft aus der Wissenschaft: Die Teenies können gar nichts dafür, das Hirn ist schuld. Wie Eltern am besten damit umgehen, haben uns Experten erklärt.

Warum nimmt man ein zweijähriges Kind eigentlich an der Straße automatisch an die Hand? Weil es den Straßenverkehr noch nicht überblicken kann, nicht schnell genug reagiert und Gefahren falsch einschätzt. Es denkt quasi zu langsam für die rasche Geschwindigkeit des Verkehrs. Aus diesem Grund hat das Hirn eines Kleinkindes eine hohe Vernetzungsdichte. Rund 200 Billionen Synapsen feuern, um das Potenzial bereitzustellen, das ein kleiner Mensch benötigt, um verstehen zu lernen.

Mit der Pubertät steht die Metamorphose vom Kind zum Erwachsenen an. Zeit also für eine gründliche Inventur im Hirn. Die ist nötig, um die Denkzentrale effizient und funktionstüchtig zu erhalten, das weiß man aus der neurowissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Forschung. Manch neuronale Verbindung wird verstärkt, weil sie für Lernen und Erfahrung viel genutzt wird. Überschüssige hingegen, wenig genutzte, werden massiv abgebaut. Am Ende sind rund 100 Billionen Nervenverbindungen übrig. Sie bauen ein im Vergleich zur weit verzweigten und feinen Struktur beim Kleinkind dann ein grobes, aber stabileres Nervennetzwerk. Das hat positive und negative Seiten.

Die positiven Auswirkungen: Jugendlich erwerben damit die Grundvoraussetzung für schnelles Denken. „Die schnellste Denkleistung erbringen Menschen im Alter von 14 bis 17 Jahren“, sagt Peter Köster, Lehrer und Coach am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Köln.

Die schlechte Nachricht: Während der Umbauarbeiten im Hirn ist mit Behinderungen zu rechnen. Aufmüpfigkeit, mangelnde Disziplin, riskantes Verhalten und Null-Bock-Stimmung gehören dazu. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Köster genau damit und mit der Frage, warum Kinder in der Pubertät plötzlich so komisch werden. Denn das interessiert Lehrer und Eltern gleichermaßen.

Warum werden Jugendliche leichtsinnig, impulsiv und risikobereit?

Die Suche nach einer Antwort führt in den sogenannten präfrontalen Cortex, der oberhalb der Augen, hinter der Stirn sitzt. Diese Arbeitseinheit ist Planungszentrum unseres Tuns. Dort erfolgt die Handlungskontrolle. „An diesem Ort wird abgewogen, ob etwas riskant ist oder weniger riskant“, sagt Köster.

Das Problem nun: Genau dieser Bereich wird in der Zeit der Pubertät umgebaut und reift. Andere Bereiche wie beispielsweise der Mandelkern (Amygdala), der für die Emotionsverarbeitung zuständig ist und auch für die Bildung des Gedächtnisses eine Rolle spielt, sind laut Köster stärker aktiv. Daraus erklärt sich, warum Jugendliche plötzlich risikobereiter werden, scheinbar ihre Vernunft nicht mehr benutzen, unreflektierter und impulsiver handeln, sagt Köster. Die statistisch belegte Folge: Sterben Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren, dann meist in Folge tödlicher Verletzungen. Vor allem Alkohol am Steuer, Fahren ohne Sicherheitsgurt, Waffenbesitz und Drogenmissbrauch sind die Ursache dafür.

Aus dem Ungleichgewicht in der Entwicklung des präfrontalen Cortex lässt sich auch das impulsive und oftmals als übertrieben empfundene Verhalten in der Pubertät erklären. „Eltern kennen viele Situationen, in denen der Nachwuchs aus nichtigem Anlass plötzlich explodiert, sich missverstanden fühlt und übertrieben reagiert“, schildert Petra Evertz von der Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung NRW eine typische Situation mit Pubertierenden.

Der Grund: Das Ungleichgewicht in der Hirnentwicklung führt dazu, dass Gefühle schneller und heftiger auf das Verhalten wirken als durch die Vernunft abgewogene Argumente. Teenager reagieren darum oft emotionaler, aggressiver, ängstlicher oder wütender als Erwachsene.

Woher kommt die Null-Bock-Stimmung?

Sportler kennen das gute Gefühl, das sich trotz anfänglicher Unlust nach dem Work-out breit macht. Der körpereigene Botenstoff Dopamin lässt dann Glücksgefühle Kapriolen schlagen und motiviert dazu, es wieder zu tun. Von Motivation scheinen Teenager jedoch zum Leidwesen vieler Eltern Lichtjahre entfernt. Während Erziehungsberechtigte das gelangweilte Hängen und Liegen der Jugend beklagen, zeigen Wissenschaftler und Pädagogen hingegen Verständnis für die missliche Lage: „Die Andockstellen (Rezeptoren) für den Glücksbotenstoff Dopamin sind bei Teenagern noch relativ klein“, sagt Evertz. Der Effekt: Wenn Erwachsene etwas als aufregend empfinden, ist es das für Pubertierende noch lange nicht. Teenager benötigen einen viel stärkeren Reiz, um Glücksgefühle zu empfinden. Möglicherweise, mutmaßt die Wissenschaft, könnte dies ein Stück weit die Neugier für Drogen und Alkohol erklären. Definitiv führe jedoch wenig Dopamin laut der Experten zu Antriebslosigkeit. „Dieses Phänomen kennt man von Depressiven“, sagt Köster.

Gleich wie distanzlos, aufbrausend oder lethargisch sich ein Jugendlicher auch verhält, „es ist nie persönlich gegen die Eltern gerichtet“, sagt Evertz. Bis zur Pubertät, die in Einzelfällen bereits mit neun oder zehn Jahren beginnen kann und mit spätestens 17 beendet ist, gehen die Kinder den Weg der Eltern. Dann jedoch beginnt die Ablösung von den Eltern, eine Reise zwischen Nähe und Distanz, sagt Evertz. Wie einfach oder schwierig dieser Weg ist, hängt nicht nur von der Persönlichkeit der Beteiligten ab, sondern auch davon, wie gut die Bindung in der frühen Erziehung gelungen ist.

Wenn Kinder in heftige Opposition gehen, sei dies manchmal ein gutes Zeichen. „Dahinter steht das tief verankerte Wissen, dass sie trotz aller Provokation sicher sein können, nicht fallen gelassen zu werden“, sagt Erziehungsberaterin Evertz. Sie rät verzweifelten Eltern Vertrauen in die eigene Erziehung der vorangegangenen Jahre zu haben: „Die meisten Jugendlichen kommen nicht auf die schiefe Bahn.“

Um den Weg dorthin erträglicher zu gestalten, raten die Experten:

  1. Zeigen Sie Präsenz: Bleiben Sie trotz aller Probleme im Gespräch mit Ihrem Kind. Zeigen Sie Interesse an den Dingen, für die es sich interessiert und die es tut. Aber: Besonders Jungen reagieren schnell genervt auf dauernde Fragen. „Freuen Sie sich, wenn Ihr Sohn mehr als zwei Sätze mit jeweils mehr als drei Wörtern mit Ihnen redet“, sagt Köster. Jungs reden wenn, dann eher mit ihren Freunden. Besser kommt man mit ihnen häufig ins Gespräch, wenn man statt mit Appellen zu nerven erzählt, was einen selbst bewegt und ihnen laut Köster so mit gutem Vorbild vorangeht.
  2. Auf Augenhöhe gehen: Nehmen Sie ernst, was Ihr Teenie zu sagen hat. Aber versuchen Sie nie bester Freund Ihres Kindes zu werden, rät Evertz. „Eltern müssen leider für Auseinandersetzungen zur Verfügung stehen.“ Sie werden nie zu Gleichaltrigen.
  3. Spucken Sie Pubertierenden nicht in die Suppe: Es gibt Dinge, aus denen sich Eltern besser kategorisch heraushalten sollten. Das betrifft vor allem die Freunde des Kindes und in ganz besonderem Maß die erste Liebe. „Freunde muss man aushalten“, sagt Evertz. Kann man sich nicht zurückhalten, erreicht man laut Einschätzung der Fachleute Ablehnung. Darum besser: neutral bleiben.
  4. Zeigen Sie eine klare Haltung und damit verbunden auch Grenzen: „Haltung gibt Halt“, sagt Köster. Man sollte bei seiner Meinung bleiben, auch wenn es schwierig wird. Der positive Effekt ist gewiss: Studien zeigen, dass Kinder gerade dann in Krisen ihre Eltern als Anlaufstelle sehen. Sie wissen, dass man sein Fähnchen nicht mit dem Wind dreht, sondern es ernst meint.